Von Wolfram Wette

Während des Golfkriegs ging das Wort von der "Drückebergerei" der Deutschen um. Im folgenden Beitrag geht es um den historischen Hintergrund des Begriffs. Der Autor ist Historiker im Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg.

Der Begriff "Drückebergerei" stammt aus der deutschen Militärpropaganda des Ersten Weltkrieges und dem Arsenal des zeitgenössischen Antisemitismus. Er wurde damals von den kriegsbejahenden Kräften in erster Linie dazu benutzt, wehrpflichtige junge Männer herabzuwürdigen, die sich entweder dem Kriegsdienst generell oder speziell dem Kampfeinsatz an der Front zu entziehen versuchten. Von der offenen Kriegsdienstverweigerung, die in Deutschland, ähnlich wie in anderen Staaten, bis zum Grundgesetz von 1949 kriminalisiert war, unterscheidet sich die sogenannte "Drückebergerei" dadurch, daß sie sich eher versteckter Formen der Verweigerung bediente. Dem Drückeberger begegnete die Obrigkeit auf der moralischen Ebene mit dem unterschwelligen Vorwurf der Feigheit und auf der juristischen mit schwersten Strafandrohungen. Im Zweiten Weltkrieg machte die deutsche Militärjustiz zunehmend weniger Unterschiede zwischen "Drückebergerei" und Desertion und verhängte mehr als 50 000 Todesstrafen.

Öffentlichkeitswirksam dürfte der Begriff "Drückebergerei" zum erstenmal im Zuge einer antisemitisch akzentuierten Militäraktion während des Ersten Weltkrieges verwendet worden sein. Das preußische Kriegsministerium führte 1916 unter der Federführung des Generals von Wrisberg eine sogenannte Judenzählung durch. Hintergrund war das Gerücht, "die" Juden seien maßgeblich an der "Kriegsgewinnlern" beteiligt, während sich gleichzeitig viele deutsche Juden vor dem Kriegsdienst an der Front "drückten". Der Vorwurf der "Drückebergerei" ließ sich, wie die Zählung ergab, nicht halten. Doch das wahre Ziel der Aktion, die Aufmerksamkeit von den realen Problemen der deutschen Kriegspolitik auf einen Sündenbock abzulenken, dürfte erreicht worden sein.

Was man in der ersten Kriegshälfte den deutschen Juden fälschlicherweise unterstellt hatte, traf dann in der Schlußphase des Krieges auf die deutschen Soldaten der Westfront tatsächlich zu. Sie weigerten sich massenhaft, den Krieg fortzusetzen. Diese Tatsache wurde schon in den zwanziger Jahren beschrieben, aber in der deutschen Öffentlichkeit bislang kaum beachtet. Den Berechnungen des Militärhistorikers Erich Otto Volkmann zufolge weigerten sich im Frühjahr 1918 etwa 800 000 bis eine Million Soldaten, den Angriffsbefehlen ihrer militärischen Vorgesetzten zu folgen. Die Militärbürokratie belegte dieses Massenphänomen wiederum mit dem abschätzigen Begriff "Drückebergerei". Eine neuere Untersuchung des Freiburger Historikers Wilhelm Deist verweist dagegen auf die politische Dimension des massenhaften Nicht-mehr-Mitmachens und spricht präziser von einem "verdeckten Militärstreik".

Wenn man die damaligen Umstände berücksichtigt, das allgegenwärtige militärische Herrschaftssystem unter den verschärften Bedingungen des Kriegsrechts, so wird deutlich, daß es sich um eine ganz außergewöhnliche Erscheinung handelte, vor deren Erforschung die traditionelle Kriegsgeschichtsschreibung nicht ohne Grund lange Zeit zurückgeschreckt ist. Der verdeckte Militärstreik lief nämlich den Intentionen der "Kriegspartei" diametral entgegen und trug in nicht geringem Maße zur Beendigung des Krieges bei. Gleichzeitig verweist er die nationalistische Parole "Im Felde unbesiegt" aufs neue ins Reich der Legende.

Dieser historische Hintergrund macht deutlich: In der Sprache der machtpolitisch tonangebenden deutschen Eliten zielte das Wort "Drückeberger" seit dem Ersten Weltkrieg auf eine Diskriminierung von Menschen ab, die sich der Teilnahme an Kriegshandlungen zu entziehen versuchten. Mit diesem Wort sollten sich Assoziationen von Feigheit, fehlendem "Mannesmut" und mangelndem Patriotismus verbinden. Als "normal" galt in dieser Tradition, wer sich als gehorsamer Untertan bedenkenlos in die Kriegsmaschinerie einordnete. Der Drückeberger dagegen war der schädliche Verweigerer, der verfolgt und bestraft werden mußte und dem man, ähnlich wie den Juden, die Sündenbockrolle aufbürden konnte.

Dem Staat gelang es 1914 – der zeitgenössischen Analyse des Soziologen Emil Lederer zufolge –, "alle geistigen Strömungen – in dem für ihn kritischen Moment des Kriegsausbruchs zu Kriegsideologien zu machen". In der Atmosphäre einer zwar nicht allgemeinen, aber doch verbreiteten Kriegsbegeisterung meldeten sich viele Männer als Kriegsfreiwillige. Kriegsfreiwilligkeit wurde mit Mannbarkeit gleichgesetzt.

Es ist häufig beschrieben worden, daß es 1939 in Deutschland keine Kriegsbegeisterung gab wie 1914, sondern eher "widerwillige Loyalität", keine freudige Zustimmung, aber doch die Bereitschaft, dem "Führer" Adolf Hitler in den Krieg zu folgen. Fest eingebunden in eine militarisierte "Volksgemeinschaft", sollten die Deutschen dann nahezu sechs Jahre lang auf der Basis dieser "widerwilligen Loyalität" den Krieg führen und ertragen, ohne politisch wirksam gegen ihn aufzubegehren.

Der Golfkrieg von 1991 markierte nicht den Beginn des Dritten Weltkrieges, und die Deutschen waren glücklicherweise nicht unmittelbar von ihm betroffen wie 1914 und 1939. Der historische Vergleich, der diese Unterschiede berücksichtigt, gibt uns gleichwohl die Chance, den Kontrast in der Haltung der Deutschen deutlicher zu erkennen. Anders als früher sind "die Deutschen" heute offenbar nicht mehr bereit, den Krieg als Mittel der Politik zu akzeptieren, schon gar nicht, wenn er nichts mit der Verteidigung des eigenen Landes zu tun hat. Sie haben sich offenbar nicht von dem – der "Logik des Krieges" innewohnenden – Freund-Feind-Denkschema gefangennehmen lassen. Das heißt, sie haben in der aktuellen Konfliktsituation weder für die eine noch für die andere Kriegspartei optiert, sondern sich jenseits der Feindkonstellation gegen eine kriegerische Lösung ausgesprochen. Diese Haltung war es, die von Kriegsbefürwortern mit dem Terminus "Drückebergerei" belegt wurde, ganz im Sinne der eingangs aufgezeigten Tradition und mit derselben Absicht der moralischen Diskriminierung.

Diese "Drückebergerei" darf als Anzeichen für einen Bewußtseinswandel hin zu einer rationalen und damit politikfähigen Friedensbejahung interpretiert werden. Vieles spricht dafür, daß wir es mit einem Wandel zu tun haben, der die Dimension eines historischen Kontinuitätsbruchs hat. Die Grundlage bildet nicht so sehr die "Nie wieder Krieg"-Bewegung nach den beiden Weltkriegen – sie war eher flüchtig; wichtiger dürften die Jahrzehnte des Kalten Krieges gewesen sein. Sie wurden von den Deutschen in West und Ost in dem Bewußtsein erlebt, potentielle "Frontstaaten" zu sein, was die Frage nach den möglichen Kriegsfolgen unter den Bedingungen des Atomzeitalters nie hatte verstummen lassen.

Merklich beschleunigt wurde der Prozeß der Delegitimierung des Krieges und damit auch des Militärischen durch den kulturellen Wandel der 68er-Zeit mit seinen antimilitaristischen und pazifistischen Tendenzen, die rückblickend schon als die Vorgeschichte der Friedensbewegung der 80er Jahre interpretiert werden können. In den Köpfen vieler Deutscher, also nicht nur in den "Bäuchen", in denen gelegentlich der irrationale Affekt geortet wird, hat sich ein kräftiges Stück "Abnabelung" von jener kriegerischen Machtpolitik vollzogen, die für den 1945 untergegangenen deutschen Nationalstaat charakteristisch war. Bei den Menschen in der ehemaligen DDR kam die Erfahrung der erfolgreichen friedlichen Revolution hinzu. Ihren Protest gegen den Golfkrieg sahen sie selbst als die logische Folge des Imperativs vom Herbst 1989 an: "Keine Gewalt!" Jedenfalls besteht die Chance, daß mit der Drückebergerei von 1991 an jene Bedeutung des Wortes angeknüpft wird, die vor seiner militaristischen und antisemitischen Instrumentalisierung gültig war. Etymologisch bedeutete Drückeberger nämlich nichts anderes als "Schlauberger", "Schlaukopf", "Schlaumeier".