Von Wolfram Wette

Während des Golfkriegs ging das Wort von der "Drückebergerei" der Deutschen um. Im folgenden Beitrag geht es um den historischen Hintergrund des Begriffs. Der Autor ist Historiker im Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg.

Der Begriff "Drückebergerei" stammt aus der deutschen Militärpropaganda des Ersten Weltkrieges und dem Arsenal des zeitgenössischen Antisemitismus. Er wurde damals von den kriegsbejahenden Kräften in erster Linie dazu benutzt, wehrpflichtige junge Männer herabzuwürdigen, die sich entweder dem Kriegsdienst generell oder speziell dem Kampfeinsatz an der Front zu entziehen versuchten. Von der offenen Kriegsdienstverweigerung, die in Deutschland, ähnlich wie in anderen Staaten, bis zum Grundgesetz von 1949 kriminalisiert war, unterscheidet sich die sogenannte "Drückebergerei" dadurch, daß sie sich eher versteckter Formen der Verweigerung bediente. Dem Drückeberger begegnete die Obrigkeit auf der moralischen Ebene mit dem unterschwelligen Vorwurf der Feigheit und auf der juristischen mit schwersten Strafandrohungen. Im Zweiten Weltkrieg machte die deutsche Militärjustiz zunehmend weniger Unterschiede zwischen "Drückebergerei" und Desertion und verhängte mehr als 50 000 Todesstrafen.