Von Dieter Buhl

Washington, im Mai

An diesem heißen und schwülen Montag gedachte Amerika seiner Toten aus vielen Kriegen – Memorial Day. Es ist einer jener Feiertage, an denen der Vizepräsident seinen zahlreichen Repräsentationspflichten nachkommen muß. Vor seiner Residenz am Observatorium der US-Marine wartet bereits ein langer Konvoi, um Dan Quayle zum Nationalfriedhof nach Arlington zu bringen.

Die Gedenkstunde verläuft mit Pomp und Präzision. Gebete, Hymnen, Fahnenparaden – nichts fehlt, was die Herzen der Amerikaner höher schlagen läßt. Quayle nutzt die Gelegenheit, um den US-Truppen nach dem Golfkrieg Tribut zu zollen. Er spricht von dem Übel, das allen guten Wünschen zum Trotz in der Welt existiert. Und er nennt auch „die Waffe, die die Mächte des Übels immer wieder besiegt hat: Sie heißt Streitkräfte der Vereinigten Staaten.“

Die Menge dankt ihm mit einer stehenden Ovation. Auch als er zu seinem Wagen zurückgeht, klatschen die Menschen. Viele strecken ihm die Hände entgegen. Quayle genießt die spontane Zuwendung. Er erlebt sie nicht zu häufig.

Das Interesse an der Person des Vizepräsidenten ist sprunghaft gewachsen, seit George Bush vor vier Wochen einen Herzanfall erlitt und nun auch noch an einer Überfunktion der Schilddrüse laboriert. „Haltet Bush am Leben“, lautet der Slogan auf einem populären T-Shirt. Er spiegelt die Meinung der Amerikaner wider, die in ihrer Mehrheit Quayle lieber in seiner jetzigen Position als im höchsten Staatsamt sähen. Die Sorge um die Gesundheit des Präsidenten hat die alten Vorbehalte neu geweckt. Sie begleiten Quayle, seit Bush auf dem republikanischen Parteitag im August 1988 seinen Namen aus dem Hut zog. Kommentatoren und Conférenciers dient er seither als Gegenstand des Spottes, der Verachtung oder schlicht der Angst.

Quayle scheinen die Attacken nicht sonderlich aufzuregen. „Das gehört halt dazu“, wiegelt er in einem Gespräch mit der ZEIT ab. Er sitzt auf der Veranda seines Hauses – ein Mann, der offensichtlich mit sich im reinen ist. „Ich habe einen Job zu erledigen, und ich werde mich auch durch persönliche Angriffe nicht davon abbringen lassen“, sagt er. „Im übrigen freue ich mich, daß sich die Bush-Administration so gut entwickelt.“ Auch Quayles Pressechef David Beckwith sieht keinen Anlaß zur Panik: „George Bush hat das als Vize acht Jahre lang aushalten müssen.“