Am 26. April wurde in Seoul ein Student, der mit seinen Kommilitonen gegen die Bildungspolitik der Regierung demonstrierte, von fünf Bereitschaftspolizisten zu Tode geprügelt. Seitdem erlebt Südkorea die schwersten Proteste seit dem Sommer 1987, als das Regime des verhaßten Diktators Chun Doo Hwan zu direkten Präsidentschaftswahlen gezwungen wurde, die den heutigen Staatschef Roh Tae Woo an die Macht brachten. Wie damals herrscht heute die Gewalt der Straße: immer brutalere Schlachten zwischen Studenten und Polizisten, Selbstverbrennungen von Studenten und jungen Arbeitern.

Die Gründe dieser Eskalation weisen weit über den Bildungssektor hinaus: 1500 politische Gefangene bestätigen die Härte der Repression; die hohe Inflation verschärft selbst die soziale Situation der Mittelschichten; das Land wird von immer neuen Korruptionsskandalen aufgewühlt. Die Opposition wirft dem Staatspräsidenten vor, seine Dreiviertelmehrheit im Parlament für den Abbau demokratischer Rechte zu nutzen.

Die Demonstranten haben ihn nun zu ersten Zugeständnissen gezwungen. 258 Dissidenten sollen freigelassen werden. Erst wurde der für das Vorgehen der Polizei verantwortliche Innenminister ausgewechselt, schließlich mußte der Ministerpräsident zurücktreten: Am vergangenen Freitag wurde der ehemalige Erziehungsminister Chung Won Shik zum neuen Regierungschef ernannt, ausgerechnet ein Politiker, der für die Krise an Südkoreas Schulen und Universitäten mitverantwortlich ist.

Zwar will die Opposition ihre Proteste fortsetzen, aber Staatspräsident Roh Tae Woo sitzt immer noch fest im Sattel. Denn die städtischen Mittelschichten, die sich vor vier Jahren dem Protest der Studenten anschlössen, werden zunehmend von deren Radikalismus abgestoßen. Sie wollen Reformen – Revolution wollen sie nicht. Ko.