Von Dieter E. Zimmer

Heimlich und peu à peu hat sich seit gut zwei Jahrzehnten eine Sprechweise ins Deutsche eingeschlichen, die ich, da heutzutage ja alles ein markantes Etikett braucht, die Neue Herzlichkeit nennen will.

Herzlichkeit? Gehen wir nicht unverändert ziemlich rüde miteinander um? Hat nicht gerade gestern der Mann hinterm Postschalter wieder einmal ...? Man wird sich der Neuen Herzlichkeit in der Tat nur bewußt, wenn man sich erinnert, welche sprachlichen Manieren vor etwa 1970 hierzulande gang und gäbe waren.

Menschen sind sehr eigene Wesen. Sie dulden es nicht, daß irgendein Artgenosse, und sei es der vertrauteste, mit selbst dem harmlosesten Ansinnen mir nichts dir nichts über sie herfällt. Ebenso selbstverständlich ist es ihnen, daß sie die Aufnahme und Beendigung jedes sozialen Kontakts selber abzufedern haben. Im Moment der Annäherung und der Abwendung ist ein Signal fällig, das den anderen in Sicherheit wiegt. Du mußt, sagt es, keine Angst vor mir haben, ich komme und ich gehe ohne feindliche Absicht (offenbar besteht immer die Möglichkeit, daß es sich auch ganz anders verhalten könnte). Zur Abfederung des Aufpralls gibt es diese große Pufferzone ritualisierter Gesten und sprachlicher Formeln.

Vormals lautete das ungeschriebene Gesetz in dieser Zone: Fasse dich kurz. Von der Begrüßungsformel Einen guten Tag wünsche ich Euch war gerade noch Guten Tag übriggeblieben, nur noch durch die Akkusativendung als Teil von etwas weniger Lakonischem ausgewiesen. Der Satz Seid Gott befohlen bis aufs Wiedersehen war schon im 18. Jahrhundert auf ein in seiner Grammatik überhaupt nicht mehr durchschaubares Auf Wiedersehen geschrumpft. Die Beschwichtigungsformel Ich bitte Euch um Entschuldigung wurde zu einem baren Entschuldigung. Und auch das schien wohl immer noch zuviel. Die Tendenz ging hin zum Einsilbigen, eigentlich zu den irgendwie freundlich gemeinten Grunzlauten ohne semantischen Inhalt, die gar nichts mehr bedeuteten. Aus Guten Tag machte die Sprachgemeinschaft ein sparsames Tach, aus Auf Wiedersehen wurde Wie... mit einem undeutlichen Konsonantengemurmel (d-s-n) hintendran, aus Entschuldigung ein Tschuljung. Tach, Wiedersehn, Wie geht’s, Tschuldigung, danke, bitte sehr – das war auch schon fast das gesamte Arsenal. Über dem Brief Sehr geehrter Herr..., drunter Hochachtungsvoll, basta. So behalfen wir uns.

Aber irgendwann kam uns das denn wohl doch etwas schroff vor. Jedenfalls wurde das Kürzegebot langsam unterhöhlt und schließlich aufgehoben. Wir wurden vielsilbiger. Wir klebten Herzen an unsere Heckscheiben (I [Herz] Neumünster). Wir drückten uns ausführlicher aus.