Im Damentennis treten sich die Generationen in immer kürzeren Abständen auf die Hacken

Von Uwe Prieser

Monica Seles, die es ist, sieht die Sache nicht anders als Steffi Graf, die es lange gewesen ist. Und Gabriela Sabatini, die es jetzt bei den Meisterschaften von Frankreich werden könnte, sieht es genauso: Es ist gar nicht wichtig, die Nummer eins zu sein. Was vielleicht richtig ist, sieht man ab davon, daß jede von ihnen es gern sein will.

Wer von den dreien – Seles, Graf, Sabatini – das diesjährige Turnier in Paris gewinnt, wird anschließend in der Weltrangliste die Nummer eins sein. Eine so spannende Konstellation hat es im internationalen Damentennis lange nicht gegeben. Vielleicht noch nie.

Seit sie vor zwölf Wochen von Monica Seles an der Spitze abgelöst wurde, sagt Steffi Graf bei jeder Gelegenheit, an die – Nummer eins verschwende sie keinen Gedanken, sie fühle sich jetzt leicht und locker. Und zuletzt spielte sie auch so, als sei sie von der selbstauferlegten Last befreit, mit jedem Turnier ihre ganze Vergangenheit aufs neue gewinnen zu müssen. „Ich habe zurückgefunden zu meinem Spiel und zu meinem Selbstvertrauen“, sagte sie nach ihren Siegen über Monica Seles in San Antonio und Hamburg und zuletzt über Arantxa Sánchez bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften in Berlin.

Das hatte man allerdings in Flushing Meadow im vergangenen September, als sie nach ihren Niederlagen von Paris und Wimbledon mit Siegen über die junge Amerikanerin Jennifer Capriati und Arantxa Sánchez ins Finale einzog, auch schon gehört, und dann hatte sie gegen Gabriela Sabatini verloren und war beinahe fassungslos. Im Januar in Melbourne hörte man es wieder, glaubte bereits, „die neue Steffi“ zu erkennen, denn immerhin hatte sie ihre Frisur geändert, doch im Halbfinale erlitt sie die erste Niederlage ihrer Laufbahn gegen Jana Novotna aus der ČSFR, und wiederum war sie beinahe fassungslos. Mitte April in Amelia Island kam sie so gut über die Runden, daß ihr selbst und allen klar war: sie hatte ihr Spiel und ihr Selbstvertrauen wiedergefunden – bis sie nach der Endspielniederlage gegen Sabatini das Heulen bekam.

Solche Widersprüche wurzeln in der übertriebenen Bedeutung, die im Tennis dem Matchball zugemessen wird. Gegen Arantxa Sánchez in Berlin hatte Steffi Graf schon Matchball gegen sich, doch das Glück war mit ihr. Als sie selbst dann Matchball hatte, schlug ihn die Spanierin ins Netz. Der siegbringende Matchball der jungen Anke Huber gegen Gabriela Sabatini war der pure Zufall – ein Netzroller. Steffi Graf hatte im Februar in Tokio Matchbälle gegen Gabriela Sabatini und unterlag dann doch.