Von Flora Lewis

TOKIO. – Das japanische Wort heißt "Gaiatsu", wörtlich übersetzt "ausländischer Druck"; tatsächlich aber bedeutet es soviel wie "Japan – Prügel". Es steht normalerweise für vieles: von der Forderung nach Finanzhilfe für den Golfkrieg in Höhe von mehreren Milliarden Dollar über den energischen Protest gegen das Verbot von Reisimporten bis hin zu dem Versuch, Marktquoten für den Verkauf von Mikroprozessoren einzuführen.

Während Japan damit ringt, seine Beziehungen zu einer Welt zu bestimmen, in der es eine große und stolze Wirtschaftsmacht geworden ist, kann man bei den Japanern neue Untertöne wahrnehmen, eine neue Offenheit spüren. Sie gestehen ein, daß Gaiatsu auch als ein geschickter politischer Trick benutzt wird: "eine wirksame und gesichtswahrende Devise, durch die einflußreiche Kreise im Land zum Nachgeben gedrängt werden" – von einer japanischen Regierung, die vorgibt, auf ihrer Seite zu stehen. So drückte es kürzlich ein führender japanischer Ökonom aus.

Immer mehr Japaner sind enttäuscht von der allzu vorsichtigen Passivität ihres Landes gegenüber allem, was nicht mit dem Handel zu tun hat. Sie spiegeln den Schock über die politisch und moralisch verzwickte Lage wider, in der sich Japan während der Golfkrise befunden hat, als es ständig nach Gründen suchte, um jede Verantwortung in dem Konflikt zu vermeiden. Mehr und mehr ist man sich darüber im klaren, daß das Land zwar eine Weltmacht, aber unfähig zur Initiative ist. Die Japaner wirken politisch unreif: Sie vermeiden es stets, sich selbst nach dem richtigen Handeln zu fragen, sondern tasten lieber ab, was das Ausland – vielleicht zu Unrecht – von ihnen erwartet. Doch was für eine Macht will Japan denn überhaupt sein?

Als Amerika während des Golfkrieges immer höhere finanzielle Unterstützung verlangte, wurde die Forderung "Kein Geld ohne politische Mitsprache" in Japan zu einem Schlagwort. Aber es wurde klar, daß die japanische Regierung vor allem nicht unter Entscheidungszwang gesetzt werden wollte.

Aufgeregtes Interesse erweckten Gespräche über einen ständigen Sitz Japans im UN-Sicherheitsrat. Schließlich liegt das Land mit seinen Zahlungen an die Vereinten Nationen an zweiter Stelle in der Welt. Die Anerkennung dieses Beitrags wäre für die Japaner von großer Bedeutung. Aber abgesehen von den Schwierigkeiten, die eine Veränderung des Sicherheitsrates mit sich brächte – die gleichen Menschen geben zu, daß Japan gar nicht wirklich bereit ist, zu den heiklen Themen, die vor das UN-Gremium gebracht werden, eindeutig Stellung zu beziehen. Friedenserhaltung erfordert schließlich mehr als eine pazifistische Gesinnung.

Jedesmal, wenn das Gespräch dann tiefer geht, kommt schnell die Klage, Japan werde zur Zeit gerade von einer ungewöhnlich schwachen Regierung geführt. Über Premierminister Toshiki Kaifu verliert niemand ein gutes Wort. Trotzdem wird er wahrscheinlich wiedergewählt werden, wenn im Herbst seine Regierungszeit ausläuft. Außerdem gibt es nicht das geringste Zeichen einer Alternative zur regierenden Liberal-Demokratischen Partei.