WEST-OST-PASSAGEN

Die europäische Landkarte hat sich verändert. Nunmehr, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, ist es möglich, den versperrten und vergessenen Raum unserer Geschichte neu zu betreten.

Das ZEIT-Feuilleton wird einige Städte des sogenannten Ostens aufsuchen und dort mit Schriftstellern, Regisseuren, Komponisten, Malern wirkliche oder erdachte Spaziergänge unternehmen.

Ein Spaziergang durch die Stadt in der Mitte Europas – auf den Spuren von Bohumil Hrabal und Franz Kafka

Von Ulrich Greiner

Die Besucher aus dem Westen, so spottet Olga in dem Roman „Die Prager Orgie“ von Philip Roth, kämen vornehmlich aus zwei Gründen nach Prag: wegen Kafka oder um zu ficken. Der Roman spielt 1971. Drei Jahre zuvor waren sowjetische Panzer über den Wenzelsplatz gerollt und hatten den „Prager Frühling“ niedergemacht. Wenig später übergoß sich der Student Jan Palach mit Benzin. Die lebende Fackel demonstrierte einen kurzen und ewigen Augenblick lang gegen den Terror, der sich Kommunismus nannte. Es begann eine Welle der Emigration. Die Zurückgebliebenen übten sich, wie Olga, in Zynismus und Bitterkeit.