Der Unrechtsstaat legte alle Dokumente seines Handelns zu den Akten: den Schießbefehl seiner Führung, die Protokolle des Verfolgerwahns seiner Spitzel, die von Ärzten verwaltete Psychofolter politisch „Paranoider“. Allein schon die Archive verhindern, daß wir Schmerz und Schuld der vergangenen vierzig Jahre verdrängen. Immer häufiger holt uns die Vergangenheit ein – diesmal im dunklen Keller des Bezirksamtes Berlin-Mitte. Dort fand sich penibel niedergeschrieben wieder, was das DDR-Ministerium für Volksbildung einst als realsozialistische Jugendhilfe diktiert hatte: die Geschichte der Zwangsadoptionen. Kinder, deren Eltern Fluchtversuche unternommen hatten, wurden in Heime gesteckt und schließlich neuen, regimetreuen „Eltern“ zugewiesen.

Die Dokumentation des staatlichen Kidnappings erregt Empörung; es folgen verständliche Rufe nach der Bestrafung jener, die für diese „mehrfache Kindesentziehung“ verantwortlich waren. Ebenso richtig ist auch der Rat, die Aufarbeitung menschlicher Schicksale müsse behutsam, also nicht unter dem Termindruck der vom Einigungsvertrag für die „Rückabwicklung“ von Adoptionen gesetzten Frist erfolgen. Doch das Beispiel verordneter Familienzerstörung zwingt zu weitergehenden Schlüssen.

Zum einen zeigt sich erneut, daß das staatliche Unrecht vieler Helfershelfer bedarf: Der Befehl kam zwar von oben, wieder von Honecker (diesmal: Margot). Aber exekutiert haben den Menschenraub kleine Bürokraten, die nicht ihrem Gewissen, sondern allein der Dienstanweisung gehorchten. Der zuständige Berliner Senator schließt nicht aus, daß die Mitmacher von damals noch heute auf der Amtsstube sitzen: So wie hier vollzieht sich der ostdeutsche Neuanfang überall in einem Klima des Mißtrauens.

Zum anderen aber nährt die Wieder-Entdeckung der Zwangsadoptionen späte Zweifel bei manchem westdeutschen Zuschauer: Denn daß die Diktatur ihre Kinder nicht der Familie überließ, davon wußte Bonn seit bald zwanzig Jahren ebenso wie von Mauermord und Todesstreifen. Doch der Primat der Realpolitik ging vor den Protest gegen Menschenrechtsverletzungen. Kauften wir nicht Erich die Eltern ab, während Margot deren Babys zur Erziehung durch zuverlässige Kader „freigab“?

Verdrängen hüben, ducken drüben: So mancher Kompromiß erweist sich im Rückblick betrachtet als faul. Diese Lehre sollte das neue, nunmehr so gewichtige Deutschland allerdings nicht zu den Akten legen. cw