Von Gisela Dachs

Stuttgart-Stammheim, im Mai

Susanne Albrecht spricht mit einem leichten sächsischen Akzent. Das paßt nicht zu ihr. Jedenfalls nicht zu der westdeutschen Exterroristin, der im Stammheimer Gerichtsbunker seit Ende April der Prozeß gemacht wird. So manches paßt bei ihr nicht ins Bild der gefährlichen RAF-Mörderin, nach der einst weltweit gesucht wurde. Das Fahndungsphoto zeigte die Tochter aus gutem Hamburger Hause mit der Stupsnase, den kurzen, zotteligen Haaren, den vollen Lippen, den zusammengekniffenen Augen. Damals war sie gerade 26 Jahre alt. Heute ist sie vierzig und Mutter eines sechsjährigen Sohnes. Ihre Festnahme in der alten DDR vermittelte im vorigen Jahr den Behörden das Gefühl, als "ob man den Teufel persönlich am Kanthaken hätte", wie es Bundesanwalt Peter Zeis am letzten Verhandlungstag formulierte. Die Wirklichkeit sieht anders aus.

Ganz unscheinbar und blaß sitzt sie zwischen ihren beiden sich väterlich gebärdenden Advokaten auf der Anklagebank, den mageren Oberkörper leicht nach vorne gebeugt, aber mit geradem Rücken. Susanne Albrecht sieht mädchenhaft aus mit ihrem kinnlangen Pagenschnitt, der weißen kurzärmeligen Hemdbluse, den grünen Blazer schützend über die Schultern geworfen. Vor ihr liegt eine dicke Mappe mit Unterlagen, auf denen sie sich ab und zu Notizen macht.

Man könnte sie für eine ergebene Anwaltsgehilfin halten. Eine Rolle, die Susanne Albrecht damals, als sie noch an der Hamburger Universität Pädagogik studierte und sich noch in tadellosem Hochdeutsch ausdrückte, tatsächlich schon einmal innehatte: Sie begleitete den Stuttgarter Strafverteidiger Klaus Croissant zum Prozeß gegen die Attentäter des Anschlags auf die deutsche Botschaft in Stockholm. Daran allerdings vermag sie sich heute nicht mehr zu erinnern. Da tut sich eine ihrer Erinnerungslücken auf. Die seien auf ein schlechtes Gedächtnis und auf Verdrängungsmechanismen zurückzuführen, bestätigte ihr der psychologische Gutachter vor den Richtern.

Denn absichtlich scheint Susanne Albrecht nichts zu verschweigen. Ganz im Gegenteil. So aussagewillig wie sie war vor ihr noch kein Mitglied der RAF dieses Ranges gewesen. Sie war diejenige, die im Juli 1977 Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt Einlaß in das Haus ihres Nenn-Onkels Jürgen Ponto verschafft hatte, der dann wenige Sekunden später von ihren Komplizen erschossen wurde. Damit habe sie "das Schlimmste getan, was man überhaupt tun kann, denn ich habe das Leben der Familie Ponto und das meiner Eltern zerstört", sagt Susanne Albrecht heute.

Während der gesamten Hauptverhandlung, die in den Augen der Bundesanwaltschaft "zügig und souverän" verlief, hat sich Susanne Albrecht bußfertig gezeigt, immer wieder bemüht, zur Aufarbeitung der weißen Flecken in der Geschichte der RAF beizutragen. An dem Ort, der für sie einst Anlaß ihres terroristischen Engagements war – "Stammheim ist für mich das Lebenstrauma, aus Solidarität mit den Häftlingen bin ich zur RAF gekommen" –, rechnet sie nun mit ihrer eigenen Vergangenheit ab. Sie tastet sich vorsichtig voran, will es recht machen. Manchmal klingt sie fast ein wenig trotzig, wenn sie ihre Rolle in der RAF schildert. Es war eine Rolle, die sie sich nicht ausgesucht hatte. Den Mord an Jürgen Ponto, der ursprünglich entführt werden sollte, um Gefangene freizupressen, habe sie nie gewollt. Immer wieder versucht sie zu erklären, versucht sie sich selbst zu erklären, wie es zu dem schrecklichen Vertrauensbruch kommen konnte; wie es dazu kommen konnte, daß sie in jenem Sommer vor vierzehn Jahren mit Blumen vor der Tür des Freundes ihres Vater stand und "Ich bin’s, die Susanne" durch die Sprechanlage rief.