Von Richard Schröder

Von Jürgen Habermas war kürzlich in der ZEIT („Die andere Zerstörung der Vernunft“, Nr. 20 vom 10. Mai) zu lesen: „Die Entwertung unserer besten und schwächsten intellektuellen Traditionen ist für mich einer der bösesten Aspekte an dem Erbe, das die DDR in die erweiterte Bundesrepublik einbringt. Das ist eine Zerstörung der Vernunft, an die Lukács nicht gedacht hat.“

Ich lese das und staune. Wir sind also mit unseren lehmverschmierten Schuhen in euren Salon geheischt, und nun sagt ihr uns, daß wir den Teppichboden, den ach so empfindlichen, versaut haben. Ich erinnere mich da an die Geschichte von dem Gast, der fatalerweise sein Rotweinglas umstieß, worauf der Gastgeber wie aus Versehen das seine absichtlich umstieß – statt zu erklären: „Der Rotweinfleck auf dieser wertvollen und empfindlichen Damastdecke ist einer der bösesten Aspekte dieser Feier.“ Denn offensichtlich wäre es ungehörig, so etwas vor den Ohren des Gastes zu sagen. Es wäre sogar ungehörig, so etwas zu denken, weil da nämlich die Damastdecke wichtiger genommen würde als die Begegnung oder, mit Habermas zu sprechen, die Kommunikation wirklicher Menschen.

Mein Beispiel hinkt. Denn Habermas setzt nicht voraus, daß wir eingeladen worden sind. Er führt vielmehr den Beweis, daß zu einer solchen Einladung eigentlich kein Anlaß bestand. Er erzählt die „Geschichte einer Beziehungslosigkeit“ – seiner Beziehungslosigkeit zur DDR. Wir können gern auch mal von unseren privaten Beziehungskisten erzählen. Ich könnte dann wie viele DDR-Bürger eine Geschichte intensiver Beziehungen zu den Verwandten und Freunden in der Bundesrepublik erzählen, von der Teilnahme am politischen Leben der Bundesrepublik über Radio und Fernsehen, von den merkwürdigen Pfaden, auf denen wir uns Bücher aus der Bundesrepublik besorgt haben, um dem geistigen Ghetto zu entgehen, darunter auch welche von Habermas. Was folgt daraus? Auch vergessene Verwandte bleiben Verwandte. Wenn man von ihnen erfährt und sich kennenlernen kann, ist doch eigentlich dies und nicht die Vorzeit, da man einander aus dem Blick verlor, Thema Nummer eins.

Habermas aber beweist uns, daß das eigentlich nicht nötig ist. Man braucht nämlich nicht Jena zu haben, um Fichte zu schätzen. „Geistige Traditionen bleiben auf andere Weise Eigentum als durch den politischen Besitz eines Territoriums.“ Wohl wahr – sonst müßten wir ja Griechenland erobern, um Aristoteles schätzen zu können. Die Absurdität solchen Bemühens hat Hegel an den Kreuzzügen zur Eroberung des Heiligen Grabes demonstriert: „Dem Bewußtsein kann“ dabei „nur das Grab seines Lebens zur Gegenwart kommen.“ Gegen Habermas’ Vorwurf des „Territorialfetischismus“ erhebe ich den Vorwurf des Traditionsfetischismus. Haben wir unsere Traditionen beisammen, so haben wir genug – und daß uns nur nicht die besten, die offenbar zugleich die schwächsten, sprich gefährdetsten sind, durch die böse Wirklichkeit gestört werden, in der da so einfach sechzehn Millionen leibhaftiger Menschen zu uns stoßen, ohne zu fragen, ob wir das mit unserem geistigen Haushalt verkraften. Aber Fichte hin, Fichte her, Jena ist zuerst eine Stadt mit lebendigen Menschen und vielen Problemen. Mit denen habt ihr euch vereinigt. Und nun müssen wir weitersehen.

Die Zerstörung der Vernunft, die Habermas kommen sieht, droht von der Störung der politischen Kultur her. Diese besteht, recht hat er, „aus einem verletzbaren Geflecht von Mentalitäten und Überzeugungen, die nicht durch administrative Maßnahmen erzeugt oder auch nur gesteuert werden können“. Und dem werde der Boden entzogen durch „administrative ‚Abwicklung‘“. „Was wir beklagen, ist der rücksichtslose Umgang mit unwägbaren, schonungsbedürftigen moralischen und geistigen Ressourcen.“

Wenn wir nun schon in der Sprache der Ökonomie von dergleichen wie Moral und Überzeugungen reden, dann aber bitte ergänzt um den Gesichtspunkt der Ökologie. Bei Habermas kommen die geistige Umweltverschmutzung, die Unmoral und Verlogenheit der DDR-Wirklichkeit nicht vor. Die DDR als Alibi, früher als Irgendwie-ein-bißchen-dennoch-Alternative, jetzt als Opfer des Systems. „Beziehungslosigkeit“ zu dieser Wirklichkeit, die Habermas sich selbst bescheinigt hat, rechtfertigt jetzt nicht mehr Ahnungslosigkeit beim Urteil über diese Wirklichkeit. Habermas beklagt, daß man in den neuen Bundesländern die kulturelle Infrastruktur verkommen läßt, daß geistige Produktion abbreche, daß kulturelle Milieus zerfallen. Tatsächlich entstehen viele und drückende Probleme, wenn man die wirtschaftliche Rechnungsführung wieder einführt, also Ernst macht mit der Tatsache, daß Kultur eine ökonomische Basis braucht. Dann wird ums Geld gestritten: Wer bezahlt? Und da wird sicher auch manchmal falsch entschieden. Aber bitte macht uns nicht weis, daß jetzt gerade in der ehemaligen DDR eine blühende Hochschul- und Kulturlandschaft niedergewalzt wird.