Er ist ein tüchtiger Lobbyist der Zigarettenindustrie. Doch ebenso anstellig vertritt er auch schnellere Waffen zum Töten von Menschen. 1988 verweigerte sich das Hamburger Thalia Theater dem MBB-Konzern. Es wollte sich vom wichtigsten Rüstungsexporteur der Bundesrepublik nicht sponsern lassen. Da war es unser Mann, der mutig den leichtfertigen Theaterleuten entgegentrat und verlangte, sie müßten „dann auch Gelder von einem Staat ablehnen“, der durch Subventionen „ein Unternehmen möglich macht, das den Waffenhandel betreibt“.

Ferdi Breidbach heißt der Mann, und seit April ist er als Geschenk des Philip-Morris-Konzerns von Kohls Rundfunkbeauftragtem Rudolf Mühlfenzl im Funkhaus Ostberlin eigesetzt zur Schulung der Journalisten. Ferdi Breidbach ist der richtige Mann am richtigen Ort. Bis 1980 saß er im Bundestag und lehnte dort als CDU-Energie-Experte Luftreinigungsmaßnahmen mit dem Argument ab, Deutschland brauche „Investitionen und nicht Investitionsblockierungen“. Sein weiterer Berufsweg führte ihn zu zwei bedeutenden Luftverunreinigern. Zuerst zur Deutschen BP und dann zum Nikotin-Unternehmen Philip Morris, das Marlboro produziert und in den USA den rechtsextremen Senator Jesse Helms sponsert.

Spätestens hier, als Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Philip Morris GmbH, hat der geschenkte Breidbach alles gelernt, was man zum Umschulen von Ost-Journalisten auf westlichen Standard braucht. Er beherrscht die Kunst, aus eineinhalb Unwahrheiten ein ganzes Totschlag-Argument zu machen: „Wenn die Mehrheit der Gesellschaft sagt, das Restrisiko der Kernkraft müssen wir tragen, das Restrisiko beim Passivrauchen ist uns aber zu hoch, dann stimmt was nicht.“ Und er hat es auch hingekriegt, im Dienste der Firma die reine und lautere Wahrheit auszusprechen: „Es ist nicht erwiesen, daß das Rauchen zu gesundheitsschädlichen Schäden führt.“

Von all dem wissen – außer Mühlfenzl – auch die leitenden Redakteure im Ostberliner Funkhaus nichts, sie halten Breidbach für einen Unternehmensberater. Aber sie wunderten sich, daß zu den Weiterbildungsmaßnahmen, die er anbietet, Schulungen über die Nato gehören. Doch zunächst amüsierten sie sich über die brandneuen elf Führungsweisheiten, die Mühlfenzls Schulungsleiter schriftlich austeilte. Nr. 11: „Der Mensch lebt nicht nur [sie] vom Brot allein – wer eine gute Leistung erkennt, sollte dies nicht für sich behalten. Konsequenz: Wir sprechen für gute Leistung Lob und Anerkennung aus.“ Und – auch sehr schön – Nr. 1: „Niemand weiß alles, darum sind wir alle aufeinander angewiesen, und jeder kann von anderen lernen: Es wird offen kommuniziert.“

Doch vor der Breidbach-Führungsweisheit Nr. 1 steht die Dienstanweisung Nr. 01 von Rudolf Mühlfenzl, der im Ostberliner Funkhaus so regiert, wie Ihrer Majestät gehorsamer Agent 007 im feindlichen Ausland um sich schlägt. Diese 01 lautet, daß nur er, Helmut Kohls gehorsamster Rundfunkbeauftragter, das Sagen habe: Öffentliche Erklärungen für die „Einrichtung“ – so nennt er verächtlich die ihm unterstellten Sender, – müßten mit ihm abgestimmt werden. Und darum sieht sich der stellvertretende Intendant des Funkhauses Berlin, Jörg Hildebrandt, seit dem 17. Mai fristlos gefeuert. Er hatte schon gegen Mühlfenzls Maulkorberlaß 01 protestiert. Hildebrandt konnte sich mit solchen Staatsrundfunk-Allüren nicht anfreunden. Und deshalb wurde der Vizeintendant vom Rundfunkbeauftragten Mühlfenzl schon am 11. Januar 1991 abgemahnt „wegen Verstößen gegen Ihre dienstvertraglichen Treuepflichten sowie gegen die Dienstanweisung 01“.

Der stellvertretende Intendant mußte als Herd der Insubordination – er kommt aus der staatsfeindlichen Bürgerrechtsbewegung Demokratie Jetzt – davongejagt werden. Denn er hatte als der eigentlich für Fortbildungsmaßnahmen zuständige Mann Protest dagegen angemeldet, daß ihm Mühlfenzl ungefragt einen Schulungsleiter vor die Nase setzte, der sich als PR-Mann einen Namen gemacht hat. Mühlfenzl will das Funkhaus leerfegen, die Intendanz aber hat heute schon zu wenig Leute, um den Programmauftrag zu erfüllen.

Helmut Kohl in Bonn darf zufrieden sein mit der neuesten Tat seines Rundfunkgouverneurs Mühlfenzl: Die Ehefrau des gefeuerten Intendanten nämlich, die kann er auf den Tod nicht leiden – es ist die Brandenburger Arbeitsministerin Hildebrandt, die sich schon im Kabinett de Maizière so widerborstig zeigte. Und erwartungsfroh kann der edle Spender des Schulungsleiters Breidbach sein. Wenn erst mal der letzte Journalist aus dem Funkhaus Berlin hinaussaniert ist, dann bleibt da in der Nalepastraße ein interessantes Grundstück – Breidbach wird nicht vom Funkhaus Berlin, sondern weiterhin von Philip Morris bezahlt.

Otto Köhler