Von Ernst Weisenfeld

BONN. – Das Verhältnis der Deutschen zu Mitteleuropa – meist fruchtbar, oft turbulent, manchmal tragisch – ist von den Franzosen immer mit Argwohn betrachtet worden. Die neue Lage, die zum Zusammenwachsen von West- und Osteuropa drängt, verlangt jedoch von Deutschen und Franzosen, daß sie sich der großen Aufgabe gemeinsam stellen. Frankreich muß dabei die Vorurteile überwinden, die es aus Gewohnheit den östlichen Provinzen Deutschlands entgegenbringt. Nicht nur zu Rheinbund-Zeiten sah es in den Gebieten östlich der Elbe gern „ein anderes Deutschland“, dem es den „Drang nach Osten“ anlastete.

In dieser Situation ist es ermutigend festzustellen, wie stark das Interesse französischer Unternehmen an Investitionen in den neuen deutschen Ländern ist. Unter allen ausländischen Interessenten stehen die Franzosen an der Spitze. Viele betrachten dabei einen Vorstoß nach Ostdeutschland als Vorstufe eines weiteren Vordringens auf den osteuropäischen Markt – nicht zuletzt mit Hilfe deutscher Mitarbeiter.

Die Blickwendung nach Ostdeutschland erfolgte keineswegs spontan. Vielmehr mußten merkantile Motive und politische Impulse erst heranreifen. Die erste Reaktion der französischen Wirtschaft auf die deutsche Einheit war Skepsis, ja Angst: Die Überlegenheit der bundesdeutschen Wirtschaft werde ins Riesenhafte wachsen, sie werde Ostdeutschland wie eine Privatjagd in Besitz nehmen und dann schnell die Märkte Mittel- und Osteuropas erobern oder zurückgewinnen. Die nächsten Eindrücke verstärkten die Skepsis: Der desolate Zustand der ostdeutschen und der osteuropäischen Volkswirtschaften entziehe jeder vernünftigen Planung den Boden, und die administrativen Schwierigkeiten mache sie vollends hoffnungslos.

Dann kam eine gute Nachricht. Auch die Deutschen waren erschrocken und kleinlaut vor dem Ausmaß der Probleme. Nun schöpften die Franzosen Hoffnung, denn daß die Deutschen es schließlich schaffen würden, daran zweifelte niemand. Aber auch sie brauchten Zeit und Partner. Eines Tages würden die Erfolge schon kommen, und dann wolle man dabeisein.

Die Regierung unterstützt diese Tendenzen. Im Außenhandelsministerium entwickelte man eine Strategie: Zwei Franzosen sitzen jetzt in dem großen Apparat der Treuhand, zwei kleine französische Stäbe, in Berlin und Leipzig, intervenieren sowohl an Ort und Stelle wie bei der Bürokratie – und wenden sich keineswegs nur an die Treuhand. Das Ergebnis: Rund vierzig Verträge in der ehemaligen DDR sind abgeschlossen oder stehen vor dem Abschluß, in weiteren siebzig bis achtzig Fällen wird verhandelt. Dabei geht es sowohl um die Übernahme von Betrieben wie um Beteiligungen oder um den Erwerb oder die Pacht von Liegenschaften für Zweigbetriebe, Agenturen, Werkstattketten und so weiter. Die Steigerung des französischen Exports nach Deutschland, der Abbau des traditionellen Defizits seit Juli 1990, hat die Hoffnungen beflügelt.

Die Ministerin für den Außenhandel, Dominique Strauss-Kahn, wird im Sommer oder Herbst Ostdeutschland besuchen, gemeinsam mit einer Delegation von Unternehmern. Geplante Projekte: die Trinkwasserreinigung in Leipzig, Dresden, Halle und anderen großen Städten. Frankreich betreibt das privatwirtschaftlich. Seine großen Wasserwerke bekommen Konzessionen und stellen dafür kostenlos die modernen technischen Anlagen ins Gelände.