Nicht weniger als vier Gerichte hatten einen Fall aufzuwärmen, der ins Mark der Pressefreiheit traf: Nach einer Restaurant-Kritik verklagte ein Wirt den betreffenden Test-Esser auf Schadensersatz (ZEIT Nr. 16/82 und 26/82). Später ermannte sich noch ein zweiter Wirt gegen denselben Kritiker zu einer Klage. Der Prozeß des Wirtes A endete vor kurzem mit dem Sieg des Test-Essers. Wirt B (ein Schleier über ihre Namen, sie haben genug gebüßt) zog durch drei Instanzen und mußte in diesen Tagen ebenfalls eine Niederlage hinnehmen: Der Bundesgerichtshof hielt die Sache nicht für revisionswürdig. Die Test-Schmecker jeglichen Gouts können aufatmen.

Am Abend der Bundestagswahl von 1980 fand sich Armin Diel, Jurastudent, Gasthaus-Journalist und Geschäftsführer des väterlichen Weingutes an der Nahe, mit Freunden in dem Münsteraner Weinrestaurant „Westfälischer Friede 1648“ ein. Ein zweifelhaftes Vergnügen, wie der Kritik zu entnehmen war, die in einer Münsteraner Zeitung und im Juni-Heft 1981 der Zeitschrift Tips für Gourmets stand: „Ein totaler Reinfall“. Der bestellte Räucherlachs, „dieser arme Fisch“, habe wohl den beschwerlichen Weg nach Münster per Fahrrad zurücklegen müssen: „Es war ein faserig trockener, völlig versalzener, braun oxydierter Lachs.“ Zur „Ente mit grünem Pfeffer“, einer Spezialität dieses Hauses: „Das Riesenviech sah aus wie eine ungarische Mastgans und schmeckte auch so: innen faserig trocken, darüber eine bedeutende Fettschicht, außen knallhart...Dazu gab es eine stark elastische Soße – Mondamin läßt grüßen – und Gummimorcheln mit beachtlichen Sandresten.“ Das Chateaubriand war „außen verkohlt, innen völlig ausgetrocknet“. Wirt A klagte.

Am 15. April 1987, als die Klage A schon drei schwankende Instanzen hinter sich hatte, besuchte Diel mit einem Kollegen das mehrfach ausgezeichnete Restaurant „Grand Cru“ in Lippstadt. Wirt B hatte sich zuvor wütend über einen kritischen Artikel Dieb bei der Redaktion des „Gault Millau“ beschwert. Der Test-Besuch, daraufhin etwas intensiver, zeitigte folgende Sentenzen in einer Illustrierten: „An einem Mittwochabend sind wir ... die einzigen Gäste ... Wir werden an einen wackligen Tisch dirigiert. In jeder ordentlichen Eckkneipe ließe sich dem mit ein paar Bierdeckeln abhelfen. Hier muß man damit leben.“ – „Das Brot ist in desolatem Zustand, offenbar vakuumiert und aufgebacken.“ – „Die übersalzene Butter hält der Tester gar für gefährlich: Hypertoniker sollten die Einwegspritze griffbereit haben.“

Auch Wirt B klagte. Doch während die Klage A für Diel zeitweilig böse aussah, weil das Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf ihm Wettbewerbsabsichten anhängte, entwickelte sich Klage B sofort im Sinne der Pressefreiheit. Das OLG Hamm fand Wettbewerbsabsichten Dieb nicht bewiesen, billigte ihm Wahrnehmung berechtigter Interessen zu und erlegte Wirt B den Beweis dafür auf, daß die Kritik falsch sei. Das konnte B nicht, und der BGH mochte sich dann nicht mehr damit beschäftigen.

Im Januar 1991 schloß sich auch das OLG Düsseldorf in der Sache A den Bewertungen des OLG Hamm (Klage B) an. Diel muß also endgültig keinem seiner malträtierten Wirte Schadensersatz zahlen. Nun kann schlechtes Essen auch höchstrichterlich schlechtes Essen genannt werden, zumal von Journalisten, denen kein Weingut am Bein hängt.

Die Wirte A und B haben sich in einen anderen Namen (durch Heirat) und nach Spanien verkrümelt. Das Lokal „Grand Cru“ gibt es nicht mehr, es wurde 1989 geschlossen. Wirt A hat den „Westfälischen Frieden“ bereits 1982 dicht gemacht. Nachweisbar haben nicht Diels Kritiken, sondern mangelhafte Gastronomie und die unsinnigen Prozesse den Restaurants den Garaus gemacht. Diel, jetzt Weingutinhaber und „Wein-Journalist“, will am 14. Juli alle Anwälte der Prozesse A und B auf einem Friedensfest versöhnen. Er hat auch die beiden Wirte dazu eingeladen. Das Menü steht noch nicht fest. Hanno Kühnert