Von Lutz H. Dröscher

Es ist eine mysteriöse Zangenbewegung: Das Brutgebiet der Beutelmeise bewegt sich sowohl vom Osten als auch vom Südwesten her auf uns zu. Weitgehend sind wir schon überlagert, befinden uns mitten im Gebiet dieses bemerkenswerten Vogels. Das Auffälligste an der Beutelmeise ist vor allem ihr weithin sichtbares, exotisch anmutendes Nest. Wie eine Christbaumkugel hängt es unter der Spitze eines Zweiges. Es besteht vornehmlich aus silbrigweißen Pappel- oder Weidensamen und glänzt somit weihnachtlich, leider zur unpassenden Jahreszeit. Zugang haben die zehn Gramm schweren Vögel durch eine kleine Tunnelröhre am Oberteil des Nestes. An einem einzigen Strang aufgehängt, vermag es zu pendeln, was auch im wissenschaftlichen Namen des Vogels mitschwingt: Remiz pendulinus.

Doch auch bei der Beutelmeise lohnt sich genaueres Hinsehen. Die Tierchen sind zwar begabte Nestbauer – aber sie führen die schlechteste Paarbeziehung unter Vögeln. Der Ornithologe Hans Löhrl beobachtete sie in ihrer extremsten Form, dem Gattenmord. Von einem Tag auf den anderen wird sich das Brutpaar plötzlich todfeind. Zunächst bauen beide Partner einträchtig am komplizierten Nest. Doch sobald die ersten Eier gelegt sind, jagen sich die Erzeuger gegenseitig fort, auch in den Tod, wenn es nicht anders geht. Das von Hans Löhrl beobachtete Vogelpaar konnte sich nicht aus dem Wege gehen, da es in einer Voliere gehalten wurde. Obwohl dieser Großkäfig immerhin zwei Teiche umfaßte, war er zu klein für zwei geschiedene Beutelmeisen. Das Männchen war von den Schnabelhieben des Weibchens so zugerichtet worden, daß es den Verletzungen erlag.

Ausgerechnet dann, wenn der Paarzusammenhalt am wichtigsten ist, beim Bebrüten und Füttern der Jungen, kommt es bei den Beutelmeisen zum Eklat. Der Ornithologe Dieter Franz sah am Main sogar, wie ein Männchen mit Futter im Schnabel zum Nest flog und dennoch vom Weibchen vertrieben wurde. Stellt der Vater vielleicht eine Gefahr für die Jungen dar? Mitnichten, denn in einigen Fällen gelingt es dem Männchen, das Weibchen zu verjagen. Dann hat er sich die Pflicht erkämpft, wochenlang wie wild für seinen Nachwuchs zu schuften. Das ist verkehrte Vogelwelt, denn die meisten Vögel sind Paradebeispiele für Zweisamkeit bei der Aufzucht. Nur gemeinsam können sie in der Regel alle hungrigen Schnäbel stopfen. Wie kommen die Beutelmeisen dann ohne Partner aus? Es scheint der Beutel zu sein, der das Geheimnis erfolgreicher Alleinerziehung birgt.

Windelweich und doch erstaunlich reißfest, hält er die Temperatur lange konstant. Jungvögel suchen in ihm auch dann noch Schutz, wenn sie längst selbständig sind, und lassen dabei auch familienfremde Kameraden herein. Thermos-Beutel dieser Qualität erlauben dem Altvogel längere Abwesenheit zur Nahrungssuche. Dennoch wird jede dritte Brut aufgegeben – meistens ohne ersichtlichen Grund.

Ein so treuloser Vogel scheut auch nicht vor aufwendigen Seitensprüngen zurück. Ein Weibchen flog 210 Kilometer, um den Partner zu wechseln, wie Dieter Franz berichtet. Beutelmeisen fliegen also mitten in der Brutzeit mal nach hier, mal nach dort, um ihr Glück zu versuchen. Dabei können sie im selben Jahr auch mehrere Brüten aus immer neuen Beuteln flattern lassen.

Von April bis September haben sie Zeit für diese einzigartigen Wechselspiele. Dabei tauchen sie oftmals dort auf, wo die Jahreszeit gerade für ein günstiges Nahrungsangebot sorgt, nämlich vorzugsweise Insekten von Blattlausgröße. In den fünf Brutmonaten können so mit etwas Glück zahlreiche Nachkommen entstehen. Doch dies ist nicht der Grund für die derzeitige Ausbreitung. Noch 1950 waren die Beutelmeisen westlich von Schlesien Fremdlinge. In Asien sind sie hingegen weit verbreitet.