ZDF, Freitag, 24. Mai: "Don’t look back". Dritte Programme, 23., 25. und 27. Mai: "11 Entwürfe für 1 Geburtstagsgruß"

Der mit wackelnder Kamera aufgenommene Dokumentarfilm Don’t look back zeigt Bob Dylan, den Troubadix der amerikanischen Protestgeneration, während seiner Englandtournee 1965. Er zeigt, wie uneinlolbar amerikanisch das Idol Dylan und seine Musik waren und sind. Zwar klatschen und kreischen die Fans auch in Britannien, aber zwischen dem englischen Sänger Donovan und dem Star von drüben ist die Kommunikation schwierig, zwischen Dylan und dem Abgesandten des Time Magazine unmöglich. Der lakonisch-mürrische, mädchenhaft zart ausschauende junge Dylan und die Sinnsucher vom alten Europa ("Lesen Sie die Bibel?") passen nicht recht zusammen.

Vielleicht liegt just hierin das Geheimnis von Dylans Welterfolg Der Amerikaner in seiner aufrechten Schlichtheit als Rätsel für Europa? Warum nicht. Dylans frühe Musik jedenfalls, die schnörkellosen Weisen, die verträumten Texte, der sanfte Vortrag, der folkloristische Überhang dieser ganzen Veranstaltung – das wirkt heute gar nicht mehr rebellisch, aber ob seiner Patina inzwischen fast ehrwürdig.

Der Schwarzweißfilm von Don Allan Pennebaker lief zu Dylans fünfzigstem Geburtstag, zum Andenken also an einen Künstler, der so alt – Image obliges – gar nicht hätte werden dürfen. Doch schon der junge Dylan wirkt nicht wie einer, der sich vor der Zeit verzehrt. Ökonomie scheint ihm nichts Fremdes – an zu vielen Gesten hindern ihn seine Instrumente, an zuviel Mimik sein scheues Naturell. In Pennebakers Film tritt der Barde ("Ich bin so gut wie Caruso") cool, gesammelt und melancholisch auf. Der Rezensentin ist er gar als Schweiger in Erinnerung. Er macht aber nur den Eindruck, denn wenn er nicht singt, redet er – wohl, um nicht zuhören zu müssen: den Journalisten mit ihren Gretchenfragen ("Ist für Sie wichtig, was Sie singen?"), Joan Baez oder seinem Manager.

Dieser Herr, Albert Grossmann geheißen, bestreitet gemeinsam mit einem Kollegen die hübscheste Szene des Films. Der Star selbst kommt nicht vor darin. Nur die Agenten agieren – sie verhandeln telephonisch über die Gage für ein Konzert. Sie pokern und taktieren, stellen Summen in den Raum, packen Druck auf die Zeit und zeigen so dem düpierten Fan-Publikum, wo immer schon der Bartel den Most geholt hat. Auch der Protestsong ist nichts ohne seinen Markt, und der nichts ohne Händler und Wechsler und Dollars. The times, they’re not changin’.

In den dritten Programmen lief derweil ein Geburtstagsgruß von Gerold Hofmann und Ulli Pfau. Dieser Film schob Dylan und seine Wirkung noch ein Feld weiter, nach Deutschland. Hier ist er beliebt als Sponti, als Einzelgänger, als Meister der Improvisation, der es immer anders macht. Ulla Meinecke spricht von "einer gewissen Einsamkeit, die in die Dinge geht", und Wolfgang Niedecken hätte gern mal "’n vernünftig durchgeprobtes Konzert". Aber Dylan ist, was er ist, weil er macht, was ihm paßt, auch wenn’s was Halbes ist. Die Collage nach dem Abspann, ein Dylan-Kaleidoskop der Extraklasse, war der Clou des Films. Spätestens sie machte deutlich, daß dieser superamerikanische Songverkäufer ein völlig unamerikanischer Show-Artist ist: Er lächelt nicht. Im Land der allzeit gebleckten Zähne ist das die wahre Rebellion.

Barbara Sichtermann