Von Irina Ginzburg

NEW YORK. – Meine Reise nach Deutschland führte über Amsterdam, zu dessen Symbol der Name des jüdischen Mädchens Anne Frank geworden ist. In dem Museum, das dem Mädchen gewidmet ist, läuft nonstop auf Video die Deponierung der deutschen Juden ins Gas, in den Tod. Haben sich die deutschen Menschen gewandelt? Können sie nicht mehr so einfach nach dem schrecklichen Prinzip – ergebene Henker und demütige Opfer – eingeteilt werden?

Diese Frage drängte sich nur während der Reise nach Deutschland auf und in Kenntnis der neuen Entwicklung in diesem Land. Immer mehr bedrohte Sowjetjuden fliehen, ohne auf den letzten Zug warten zu wollen, ohne an ihre eigene Regierung und ihren Staat zu glauben, gen Westen. Und seltsamerweise vertrauen sich viele von ihnen jetzt Deutschland an, das vor fünfzig Jahren seine eigenen Juden umbrachte. Den Gesprächen mit Deutschen entnahm ich, daß die einen darüber verwundert sind und andere deshalb Freude empfinden. Auch Sorge vor einer riesigen Welle von Sowjetjuden, die sich nun in Bewegung setzen könnte, spürte ich.

Mir ist klar: Das vereinigte Deutschland hat jetzt besonders viele Probleme. Die Deutschen sind auch nicht darin geübt, in den Immigranten sofort etwas anderes als Fremde zu sehen, und doch... Nach einem Vortrag in Bielefeld bekam ich eine Broschüre des „Vereines für die Rückführung der Juden nach Israel e.V.“ mit einem gemalten Flugzeug auf dem Titelblatt in die Hände. Den Sowjetjuden möge man mit Nahrungsmitteln und Bekleidung helfen, für sie ein Gästehaus bauen und auch Spenden für ihre Reisekosten nach Israel sammeln. Gut ist das alles, aber es entsteht auch der Eindruck, daß die Sowjetjuden auf ihren, bereits in der Bibel vorgezeigten Weg, gedrängt werden sollen. Vielleicht geschieht dies in bester Absicht. Aber würden denn aufrichtige Gastgeber dem Gast bedeuten, er sei eigentlich noch gar nicht richtig zu Hause, ehe sie ihm ein Willkommen anbieten?

Es ist bedauerlich, daß sich dank schamloser antisemitischer Propaganda viele sowjetische Juden ihre Heimat Israel nur als kahle Wüste vorstellen können, wo Tag und Nacht geschossen wird. Deshalb hat das Land für viele keine besondere Anziehungskraft. Aber ich bin sicher, daß die „verlorenen Kinder“ früher oder später in ihre angestammte Heimat zurückkehren. Vorerst jedoch, solange sie, befreit von ihren Ängsten, in der freien deutschen Gesellschaft leben, entscheiden sie über ihre Zukunft selbst. Vielleicht bleibt Deutschland für manche von ihnen nur ein „Umschlagplatz“, während andere hier ihren sicheren Hafen finden.

Die Gründerin des Vereines „Hilfe für die Juden Rußlands“, Sigrid Volkers, zeigte mir in Bad Bentheim am Platz der im Krieg verbrannten Synagoge eine helle Steintafel, auf der scheue Zweige, die aus einem gefälltem Stamm wachsen, die Auferstehung der jüdischen Gemeinden symbolisieren. Leider trifft man sie bisher nicht in jeder deutschen Stadt – nur wenige der geretteten Juden kehrten in ihre frühere Heimat zurück. Gerade die jüdischen Gemeinden sehen in den Menschen aus der Sowjetunion Hoffnung und Zukunft. Die aber haben selten Lust, in die Synagoge zu gehen.

Die Juden, die in dem seit 1917 atheistischen Rußland aufgewachsen sind, haben keine Beziehung mehr zu der ureigenen Religion und ihren Traditionen. In Berlin lernte ich das Ehepaar Baader kennen, das die Patenschaft für eine jüdische Familie aus Odessa übernommen hat. Sie helfen ihr auf vielerlei Weise und laden sie zum Schabbes ein. Wie wunderbar wäre es, wenn alle deutschen Juden den Sowjetjuden ebenso leidenschaftlich ihre Fürsorge widmen könnten, die „Jammeratheisten“ zur Quelle ihres Glaubens führten, ihnen gegenüber geduldiger und freigebiger wären...