Der berüchtigte Spekulant greift nach dem Flaggschiff der britischen Industrie

Von Wilfried Kratz

Für die Wirtschaftsexperten in der Londoner City war es ein Schock. Vergangene Woche wurde bekannt, daß Lord Hanson, ein erprobter Meister auf dem Übernahmeparkett, für 240 Millionen Pfund eine Beteiligung von knapp drei Prozent an Imperial Chemical Industries (ICI) erworben hatte. Sollte nun auch der viertgrößte Chemiekonzern der Welt, Stolz der britischen Wirtschaft, ein Opfer des gefürchteten Spekulanten werden? Viele waren davon überzeugt, daß der 69jährige Lord seinen spektakulärsten Coup plant, nämlich den Kauf von ICI, die anschließende Zerlegung und den Verkauf einzelner Bestandteile.

Doch am Wochenende kam die Entwarnung. "Wir wollen keine große feindliche Übernahme machen", zitierte die Financial Times Lord Hanson, nun zweitgrößter Aktionär von ICI. Statt dessen schlägt er eine friedliche Fusion vor. Der Lord will seine Holding mit dem Chemieriesen verschmelzen; so entstünde ein Industriekoloß, der es auf einen Jahresumsatz von rund zwanzig Milliarden Pfund bringt. Das wäre neu, denn bislang verdiente Hanson sein Geld damit, daß er große Teile der von ihm aufgekauften Unternehmen mit Profit verscherbelte. Diesmal scheint er nur daran zu denken, den Pharmabereich auszugliedern und in einem Joint-venture mit einem anderen großen Arzneimittelhersteller zu vereinen. Aber so richtig werden ihm seine Beteuerungen nicht geglaubt; zu schillernd ist seine Vergangenheit als Übernahmehai.

Hanson gab den Startschuß für seinen jüngsten Deal mit dem Auftrag an die Börsenmaklerfirma Smith New Court, zwanzig Millionen ICI-Aktien für 11,90 Pfund das Stück zu beschaffen. Das Maklerhaus kaufte blitzschnell die Papiere zusammen und lieferte sie mit einem hübschen Gewinn ab. Die aufgeschreckten ICI-Manager begehrten zu wissen, wer sich hinter dem Kunden verstecke. Am Tag danach gab sich Hanson zu erkennen.

Bei ICI schrillten die Alarmglocken, denn Hanson ist der Inbegriff des Abbruchunternehmers. Zusammen mit seinem Freund und Partner, dem 68jährigen Lord White, konzentriert er sich auf Großbritannien und die Vereinigten Staaten, weil in beiden Ländern feindliche Übernahmen zum Zweck des Ausverkaufes akzeptiert und die institutionellen Voraussetzungen dafür gegeben sind. Hansons Firma, gemessen am Börsenwert von 10,4 Milliarden Pfund eine der zehn größten auf der Insel, illustriert das mit ihrem Emblem, zwei miteinander verschlungenen Schleifen des Union Jack und der Stars and Stripes.

Hanson präsentiert sich seinen 250 000 Aktionären als eine "britisch-amerikanische Gesellschaft im industriellen Management" mit 80 000 Beschäftigten, einem Umsatz von 7,2 Milliarden Pfund und einem Gewinn vor Steuern von fast 1,3 Milliarden Pfund, 7,4 Milliarden Pfund an Bankguthaben und ohne Nettoverschuldung.