Etwas Einzigartiges ist geschehen: Die Herstellungsleiter von einem halben Hundert angesehener deutschsprachiger Verlage von Artemis in Zürich bis Wagenbach in Berlin haben eine Petition verfaßt. Der Adressat ihrer eindringlichen und eiligen Bittschrift: die Treuhandanstalt in Berlin. Ihr Anlaß: deren Suche nach einem potenten Interessenten für die Offizin Andersen-Nexö in Leipzig, eine der ältesten und traditionsreichsten Druckereien im Lande. Ihre Befürchtung: daß dabei ausgerechnet derjenige Teil vor die Hunde geht, der unter das Rubrum „kulturelles Erbe“ gehört.

Genauer: Sie fürchten, daß irgendein hauptsächlich an Umsatz interessierter Druckkonzern als Käufer auftritt; daß der zwar mit der modernen (Photosatz- und Offset-) Abteilung liebäugelt, aber mit der „altmodischen“ Buchdruckerei, in der die Gutenberg-Ära noch nicht eingeschmolzen und verschrottet ist, eben dies zu tun vorhätte. Die Hersteller – Leute also, deren Beruf das schöne Buch ist – haben offensichtlich begründete Angst, daß der Käufer diesen separat in der Nonnenstraße, im alten polygraphischen Zentrum Leipzigs gelegene Teil der Offizin lediglich als innenstadtnahe, demzufolge kostbare Immobilie zu versilbern trachten und daß er dabei den kostbaren Schatz an historischen, in solcher Vielfalt und Qualität nirgendwo sonst noch anzutreffenden Schriften und Schriftmatrizen preisgeben könnte.

Das wäre unverzeihlich. Es wäre eine Katastrophe deswegen, weil das bis ins späte 18. Jahrhundert zurückreichende Inventar an Schriften, aber auch weil die Vielzahl an intakten Gieß- und auch an großformatigen Druckmaschinen nirgendwo ihresgleichen hat. Und weil alles dies nicht erst, wie vor Jahren durch das dafür zu Recht gepriesene Typostudio SchumacherGebler in München, in letzter Minute vor den Schmelz- und Schrottöfen zusammengekauft und gerettet werden muß.

Da das (1946 enteignete, bis 1954 noch unter dem alten Namen der Offizin Haag-Drugulin geführte) Druckhaus im Bombenkrieg weit weniger als die anderen Betriebe in Leipzig zerstört worden ist, sind allein im Schriftmusterbuch für den Bleisatz noch fast zweihundert (auch ausgefallene) Schriften aufgeführt, darunter nicht wenige, bei denen die Fachleute schwärmerisch die Augen verdrehen. Hier pflegt man auch noch das diffizile, großer individueller Differenzierung zugängliche alte Lichtdruckverfahren, das „zu beherrschen“ einer zehn Jahre lang praktizieren muß.

Bei Drugulin wurden nicht nur Zeitschriften wie Pan oder Die Insel gedruckt, dort hatte auch der junge Ernst Rowohlt seine bibliophil ausgestatteten „Drugulin-Drucke“ in ausdrücklich hoher Auflage gewagt und großen Erfolg damit gehabt. Die Drugulins waren Verbandsführer und Fachschulgründer, ihr Name war identisch mit „Leipzig, der Stadt des Buches“. Selbst unter dem Namen des kommunistischen dänischen Schriftstellers Andersen-Nexö wurde die Tradition hingebungsvoll fortgesetzt (und von vielen westlichen Verlagen mit Aufträgen honoriert).

Manch einer von den Setzern und Druckern der alten Schule, die es noch hier und da auch im Management großer Firmen gibt, spüren – selbst wenn sie heute nur mit dem modernen Photosatz existieren können – auch jetzt noch ein Verlangen nach der traditionellen Art, Bücher zu setzen und zu drucken. Und eben darauf bauen die fünfzig Hersteller mit ihrem Petitum. Doch zunächst hoffen sie auf die Einsicht und die Strenge der Treuhandanstalt. Sie schlagen ihr vor, den „alten“ Druckereibetrieb in der Nonnenstraße notfalls separat zum Verkauf zu stellen, um auf jeden Fall den Bestand und damit „einen Teil unserer Schrift-, Buch- und Druckgeschichte zu erhalten“. Sie erklären sich für ihre Verlage obendrein bereit, die Druckerei künftig mit Aufträgen zu stützen.

Würde die berühmte Offizin aber von banausischen Aufkäufern zerstört, würden ihre kulturellen Reichtümer in alle Winde verstreut oder in irgendwelchen Museen neutralisiert, nähme letztlich sowohl die Buchdrucker- als auch Buchmessestadt Leipzig Schaden an ihrem Namen. Manfred Sack