Am 2. Juni um Punkt 5.53 Uhr feiert die Bundesbahn Premiere. Dann verläßt der InterCityExpress (ICE) Münchner Kindl erstmals mit Passagieren an Bord den Bahnhof Hamburg-Altona. Dreieinhalb Stunden später wird er nach teilweise 250 Stundenkilometer schneller Fahrt im Frankfurter Bahnhof einlaufen – gut eine Stunde früher als die InterCity-Züge. Mit der Einführung des ICE beginnt auch in Deutschland das Hochgeschwindigkeitszeitalter auf der Schiene – 25 Jahre nach der Inbetriebnahme des Shinkansen in Japan und 10 Jahre nach dem Start des TGV in Frankreich.

Von Anfang Juni an werden 23 der stromlinienförmigen, weißen Züge im Stundentakt die Strecke von Hamburg über Hannover, Göttingen, Kassel, Fulda, Frankfurt, Mannheim, Stuttgart, Ulm, Augsburg nach München zurücklegen. Zwischen Hamburg und Stuttgart verkürzt sich die Reisezeit beispielsweise um zwei auf fünf Stunden. Bis 1993 sollen sechzig ICE-Züge auf drei Strecken fahren. Läuft alles nach Plan, verringern die schnellen Superzüge zur Jahrtausendwende auf insgesamt acht Linien die Reisezeit zwischen den westdeutschen Großstädten. Dann kann von Frankfurt aus, so versprechen es die Bundesbahner, jede westdeutsche Großstadt in höchstens dreieinhalb Stunden erreicht werden. Damit wäre der ICE wesentlich schneller als das Auto und – rechnet man die Reisezeit von Innenstadt zu Innenstadt – fast so schnell, aber billiger als das Flugzeug.

Der ICE ist nur ein Teil eines neuen Angebotskonzepts, mit dem die deutschen Eisenbahner Geschäftsreisende, die genervt sind von Flugverspätungen und Staus auf den Autobahnen, aber auch wieder mehr Urlauber zurück in ihre Züge holen wollen. Um das zu erreichen, will sich die Bahn vor, während und nach der Reise stärker als bisher um ihre Kunden kümmern. Dazu gehören moderne Bahnhöfe mit erweiterter Angebotspalette, ein neues Preissystem, ein vereinfachter Fahrkartenverkauf, besserer Service. Mit dem ICE versucht sich das Staatsunternehmen Bahn in ein neues Zeitalter zu katapultieren. Doch fernab aller Visionen bestimmen Altlasten die Gegenwart der DB: ein rasant wachsender Schuldenturm von derzeit 47 Milliarden Mark, veraltete, häufig verschmutzte und überfüllte Züge, Beamtenmentalität, Schlendrian und mangelnde Pünktlichkeit; die Sanierung der maroden Reichsbahn, die auf den Zusammenschluß mit der Bundesbahn wartet, wird weitere Milliarden verschlingen.

Trotzdem: Für die Bahnmanager ist ihr futuristisches Baby weit mehr als nur ein neuer Zug. Hemjö Klein, im Bahnvorstand seit fast zehn Jahren für den Personenverkehr zuständig: "Der ICE ist ein wichtiger Schritt, damit das ganze System Bahn besser wird." Rund zwanzig Milliarden Mark wurden in den Bau der Hochgeschwindigkeitsstrecken von Hannover nach Würzburg und Mannheim nach Stuttgart sowie die pro Stück fünfzig Millionen Mark teuren Züge investiert. Bis zur Jahrtausendwende sollen insgesamt 2000 Schienenkilometer für den Hochgeschwindigkeitsverkehr verlegt sein.

Tatsächlich vermittelt der ICE dem Fahrgast ein völlig neues Bahngefühl: Neben dem schnellen Reisetempo bietet das neue Paradepferd der Bahn einen Komfort, wie ihn der Reisende bislang nicht einmal aus dem Flugzeug kennt: Der bis zu 410 Meter lange, druckdichte Zug ist vollklimatisiert, Raucher und Nichtraucher reisen wagenweise getrennt. Dem Bahnfahrer steht es frei, in Sechserabteilen, Sitzreihen wie im Flugzeug oder in gegenüberliegenden Sitzen an Tischen Platz zu nehmen. Die pastellfarbenen, ergonomisch gestalteten Sessel sind verstellbar; wie auf einem Langstreckenflug kann der Reisende über Kopfhörer zwischen Wort- und Musikprogrammen wählen. An den Rückseiten einiger Sitze sind Flachbildschirme angebracht, auf denen ein zugeigenes Videoprogramm verfolgt werden kann.

Arbeitswillige Geschäftsleute können sich in die abgeschlossenen Konferenz- und Arbeitsräume des Servicewagens zurückziehen, wo sie eine Computer-Steckdose, elektrische Schreibmaschinen, Photokopierer und Telefax vorfinden.

Im Bord-Restaurant werden auf weißgedeckten Tischen mit gestärkten Stoffservietten und Ikebanaschmuck Schlemmermenüs auf edlem Porzellan serviert. Wen es eher nach belegten Baguettes oder einem frischgezapften Bier gelüstet, ist an der Theke des Bord-Bistros besser aufgehoben. Hier darf im Gegensatz zum Restaurant geraucht werden.