Von Peter Grubbe

Über den Mord an Präsident John F. Kennedy am 22. November 1963 sind viele Bücher geschrieben worden. Aber kaum eins verdient so viel Interesse wie das Werk von David E. Scheim. Denn dies ist kein neuer Kriminalthriller oder Enthüllungsbericht. Vielmehr hat der Autor, der als studierter Systemanalytiker zu den wissenschaftlichen Beratern des Washingtoner Zentralen Forschungsinstituts für politische Morde gehört, in zehnjähriger Arbeit sämtliches in den Archiven vorhandene Material über das Attentat zusammengetragen und gesichtet. So erhält der Leser ein Bild nicht nur von den Geschehnissen am Mordtag und ihren Hintergründen, sondern vor allem auch von der amerikanischen Gesellschaft, die sich bis heute nicht in der Lage gesehen hat, dieses Verbrechen aufzuklären.

Kurz nach dem Mord wurde bekanntlich der vierundzwanzigjährige Lee Harvey Oswald von der Polizei als angeblicher Mörder festgenommen. Zwei Tage später wurde Oswald, obwohl noch im Polizeigewahrsam, von dem Nachtclubbesitzer und Mafiagangster Jack Ruby aus angeblich „patriotischem Rachedurst“ erschossen. Schon damals tauchten in der Öffentlichkeit erhebliche Zweifel an der amtlichen These von einer Alleintäterschaft Oswalds auf. Aber bereits am nächsten Tage legte der damalige stellvertretende Justizminister Katzenbach in einem Memorandum fest: „Die Öffentlichkeit muß davon überzeugt werden, daß Oswald der Attentäter ist, daß er keine noch auf freiem Fuß befindlichen Komplizen gehabt hat, und daß er angesichts der Beweislage auch in einem ordentlichen Verfahren verurteilt worden wäre.“

Vier Tage später wies Kennedys Nachfolger, Präsident Lyndon B. Johnson, den Direktor des amerikanischen Bundeskriminalamtes (FBI), Edgar Hoover, an, in der Angelegenheit keine weiteren Nachforschungen anzustellen, sondern sich mit den vorhandenen Beweisunterlagen zu begnügen. Zu dieser Zeit wußten sowohl Katzenbach und Hoover als auch der Präsident, daß die offizielle These von der Alleintäterschaft Oswalds nicht haltbar war. Denn die Autopsie des Ermordeten hatte zweifelsfrei, ergeben, daß es zwei Schützen mit Waffen unterschiedlichen Kalibers gegeben hatte, und daß Kennedy nicht durch einen Schuß von Oswald getötet worden war. Aber der Autopsiebericht wurde unterdrückt, die polizeilichen Untersuchungsergebnisse wurden verfälscht und weitere Nachforschungen untersagt.

Denn – so David Scheim – Lyndon B. Johnson unterhielt seit Jahren enge Kontakte zur amerikanischen Mafia und bekam, auch als er Präsident war, laufend große Geldbeträge von ihr. Und Edgar Hoover war mit mehreren prominenten Gangstern so gut bekannt, daß diese ihm Urlaubsaufenthalte bezahlten. Hätten sie die Mafia nicht vor Nachforschungen geschützt, hätten sie damit rechnen müssen, daß nicht nur ihre Geldquellen versiegt, sondern daß sie bei Bekanntwerden dieser Verbindungen und dem dann unvermeidlichen Skandal auch ihrer Ämter verlustig gegangen wären.

Ihrerseits hatte die Mafia das größte Interesse an einer Beseitigung des Präsidenten Kennedy. Denn der Bruder des Präsidenten, Justizminister Robert Kennedy, der fünf Jahre später auf ähnlich mysteriöse Weise ermordet wurde, hatte ihr öffentlich den Kampf angesagt. In seinem Buch „The Enemy Within“ hatte er das organisierte Verbrechen als eine „unsichtbare Regierung“ angeprangert und erklärt: „Wenn wir das organisierte Verbrechen nicht mit ähnlich wirksamen Methoden und Techniken bekämpfen, wie sie in diesen Kreisen üblich sind, dann werden diese Kräfte uns zerstören.“ Die Mafia, so der Autor, antwortete auf diese offene Kampfansage mit der Ermordung des stärksten Mannes im Kennedy-Clan, des Präsidenten.

Scheim stützt seine These jedoch nicht nur auf psychologische Schlußfolgerungen und auf Zitate von Mafiaführern, die offen Kennedys Beseitigung forderten; darüber hinaus führt er eine fast lückenlose Kette von Beweisen in Form von Augenzeugenberichten, Telephongesprächen und – teilweise unterdrückten – Zeugenaussagen an.