Vor einigen Tagen bekam ich einen Telephonanruf von meinen amerikanischen Freunden, die eine Urlaubsreise nach Zagreb und Dubrovnik unternehmen möchten. Sie machten sich Sorgen über die Warnung, die das State Department an Reisende in diese Region ausgibt. Sie wollten wissen, ob schon Krieg sei.

„Unsinn“, sagte ich zuversichtlich. „Hier ist kein Krieg. In New York ist’s gefährlicher. Kommt einfach.“

Meine New Yorker Freunde werden sich wohl den wenigen amerikanischen Touristen anschließen, die noch nach Jugoslawien reisen. Aber ihr Aufenthalt wird von den Ereignissen überschattet sein, und auch ich konnte eine gewisse Nervosität in meiner Stimme nicht verbergen. In New York mag es gefährlicher sein als in Zagreb, aber die Gefahr in New York (das doppelt so viele Einwohner wie Kroatien hat) ist eine andere als in Kroatien. Dort droht das Verbrechen, hier der Krieg.

Die direkte Frage, ob der Krieg nun ausgebrochen sei oder nicht, überraschte mich sowenig wie meine prompte Antwort. Woher weiß man, wann ein Krieg angefangen hat? Obwohl zwei Weltkriege dieses Land verwüstet haben, läßt es sich nicht so einfach sagen, wann ein Krieg wirklich beginnt. Ist es der Fall, wenn wir zum ersten Mal mit eigenen Augen (und nicht nur im Fernsehen) Panzer, Soldaten und Tote sehen? Berührt einen der Krieg erst, wenn es bereits zu spät ist und einem das Dach über dem Kopf zusammenbricht? Oder spricht man von Krieg, wenn eine rasende Menschenmenge auf der Flucht ist, Bomben fallen, Soldaten an jeder Ecke stehen; heißt Krieg Kreuzfeuer, Tiefflug, Angst?

In Vietnam bedeutete Krieg: Napalm, verbrannte Kinder, Dschungel, Vietcong. Im Zweiten Weltkrieg bedeutete Krieg: Besatzungsmacht und Partisanen, Menschen, die mit den bloßen Händen kämpften, Verräter in den eigenen Reihen, Konzentrationslager. Für uns hat Krieg immer etwas damit zu tun, daß Menschen ihr Leben verlieren, und zwar in großer Zahl, wie im Kino, allerdings nun in Wirklichkeit.

Das Problem scheint zu sein, die Schwelle festzulegen. Liegt sie bei fünf, zehn oder hundert Toten? Gilt für jedes Land dieselbe Zahl, ungeachtet seiner Größe? Wie viele Opfer muß es geben, bis man nicht mehr von Terrorismus oder von einem Ausbruch von Gewalt spricht, von einzelnen Zwischenfällen, die vielleicht vermeidbar oder zumindest unter Kontrolle zu bringen gewesen wären

Wenn wir die Definition des Begriffes „Krieg“ von Clausewitz als eine „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ auch heute für gültig erklären, dann ist das, was jetzt in Kroatien und Kosovo geschieht, zweifellos Krieg. Der Arm der Politik ist verlängert worden – durch Armee, Polizei, Panzer, Minen, Schießereien, Verkehrsblockaden. Menschen starben. Was fehlt also?