ZDF, Sonntag, 2. Juni, 10.15 Uhr: „Matinee – Einsame Wege“

Sonntagvormittag – das ist die Zeit, in der man früher in die Kirche ging, eine Zwischenzeit, herausgehoben zwischen den Wochen, die Abstand bringen sollte, Betrachtung, Erbauung, wie es hieß. Sich schönmachen und am hellen Vormittag gemächlich dahin wandeln, wo dieser merkwürdige Bau steht, unnütz zu allem Tagwerk, spitz aufgereckt und leer. Am hellen Vormittag, den man sonst gar nicht wahrnimmt, weil man ihn nutzen muß, Abstand gewinnen, schauen, hören, sich was erzählen lassen. Aus der Aktivität zurück in eine Hülle. Ein Aufgehobensein, den Menschen und der Welt zuträglicher als all die weltlichen Glaubensarten, die den sonntäglichen Kirchgang haben in Vergessenheit geraten lassen.

Aber es ist doch irgendwas geblieben, das den Sonntagvormittag heraushebt. Der Kirchgang ist es lang nicht mehr, noch nicht mal die Erinnerung daran. Es ist der Wunsch nach diesem anderen Zeitmaß, nach dem Sichzurücksetzen im Doppelsinn, danach, zu schauen und zu hören. Man fährt in „die Natur“. Man ist ausnahmsweise ein Sonntagsfahrer, fährt im anderen Zeitmaß, nimmt im besten Falle sogar andere Dinge wahr als sonst. Oder man lehnt sich zurück beim geruhsamen Frühstück und drückt auf die Fernbedienung. Und siehe da: Auch im Fernsehen ist Sonntag.

Bilder von einer Flußlandschaft in Niedersachsen, lieblich, sanft; „Innerste“ heißt das Flüßchen, Anlaß zu hören und zu schauen; in Wilhelm Raabes Erzählung heißt eine junge Frau wie dieser Fluß, Sie wird sich grausam an dem Müllerburschen rächen, der einmal ihr Geliebter war. Ein Dichter und ein Maler unserer Tage werden von den seltsamen Motiven der Erzählung angezogen, sie werden in sich entdecken, was es mit dieser „Innersten“ schon immer auf sich hatte. Sie werden wieder einmal von der Innersten erzählen und sie malen.

Kein Glockenläuten mehr hält das Getriebenwerden an. Kein Orkan aus Orgelpfeifen nimmt uns mit in seinem weiten Mantel. Aber die Matinee des ZDF ist da, der Kirchgang des Fernsehmenschen. Mit gelockertem Hosenbund vorm leeren Frühstücksei ahnt man doch immerhin, daß man ja eigentlich ein Mensch ist.

Martin Ahrends