Die Vereinigten Staaten streben eine Freihandelszone mit Lateinamerika an. Europa muß aufpassen.

Die selbstgefällig auf ihren Binnenmarkt blickenden Europäer müssen sich auf eine neue amerikanische Herausforderung einstellen. Der Kongreß in Washington hat der Regierung grünes Licht gegeben, mit Mexiko ein Freihandelsabkommen vorzubereiten und die Gespräche über eine weitere Liberalisierung des Welthandels im Rahmen des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (Gatt) fortzuführen, die Ende vorigen Jahres unterbrochen wurden.

Nach Monaten der Stille wird die Europäische Gemeinschaft nun erneut gedrängt, ihre ruinösen Agrarsubventionen zu verringern und ausländische Anbieter nicht mehr mit hohen Einfuhrabgaben auszutricksen. Nur in allgemeinen Erklärungen, nicht aber in der Praxis haben die Europäer sich zuletzt einsichtiger gezeigt – eine ernsthafte Reform der Agrarpolitik schulden sie ihren Handelspartnern noch (siehe auch Seite 18).

Eine Herausforderung ganz anderer Art bedeutet die amerikanische Freihandelszone. Sie liegt zwar noch weit in der Zukunft, dürfte die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Europa und Amerika aber stärker beeinflussen als die Gatt-Gespräche. Die Gründung einer Freihandelszone bedeutet mehr, als nur Zölle aufzuheben und Produkten aus den Partnerländern freien Marktzugang zu gewähren. Ein solches Abkommen bringt Schutz für Investitionen und führt zu einer starken Verflechtung der Volkswirtschaften, die sich nicht mehr mit protektionistischen Methoden voneinander abgrenzen.

Für die Vereinigten Staaten liegt der Vorteil auf der Hand: Mexiko wäre ein Billiglohnland, das seine Ressourcen wie auf einem Tablett darbietet. Es würde sich grundsätzlich von anderen Drittweltländern unterscheiden, die zwar auch mit billigen Arbeitskräften locken, aber die Freiheit haben, sich jederzeit gegen ausländische Investoren oder Konkurrenten einzuigeln. Die Annäherung an die Vereinigten Staaten ruft in Mexiko denn auch die Kräfte auf den Plan, die sich von den Gringos ohnehin bevormundet fühlen. Der Zugriff auf die Ölindustrie, den Washington will, Mexiko aber ablehnt, wird für zusätzlichen politischen Zündstoff sorgen.

Für den amerikanischen Präsidenten George Bush ist die Dreiländergruppe Kanada/USA/Mexiko erst der Anfang. Er will eine Freihandelszone von Alaska bis Feuerland. Eine Utopie, die in Ansätzen rasch Wirklichkeit werden kann: Ein wirtschaftlich relativ gefestigtes Land wie Chile dürfte sich bald anschließen, andere werden folgen.

Während die Europäer ihr Kapital und ihre Aufmerksamkeit auf Osteuropa konzentrieren, das noch über Jahrzehnte hinweg ein Sanierungsfall bleiben wird, bereiten die Amerikaner mit einem an Zynismus grenzenden Pragmatismus eine Offensive auf dem Weltmarkt vor: Sie zahlen nicht für Hilfen zur Gesundung Lateinamerikas, sondern profitieren von der beachtlichen Dynamik jener Länder des Kontinents, denen es wieder besser geht. Verlieren können die Vereinigten Staaten nur eines: die Industriebereiche, die noch rückständiger sind als die mexikanischen.