Von Volker Mauersberger

Irgendwann an diesem langen, von spröder Wirtschaftsrhetorik erfüllten Abend fiel das Wort vom „größten Konzern der Welt“, und der nach Madrid angereiste Treuhand-Vertreter aus Halle blickte so stolz, als sei ihm eine besonders originelle Wortschöpfung eingefallen. Hatten die müde in ihren Sesseln zuhörenden Unternehmer den Triumph im Blick des deutschen Referenten bemerkt? Vielleicht war es ihnen zu diesem Zeitpunkt schon egal, ob man das Gemischtwarensortiment aus Berlin mit einer dubiosen Konkursmasse oder eben mit einem Konzern verglich, mit dem man doch gewöhnlich ein prosperierendes Gewerbe assoziiert.

Es gab viele Ungereimtheiten, sprachliche Ungenauigkeiten und viel zu langatmige Erklärungen, als sich vergangene Woche die Berliner Treuhand im Rahmen der Europäischen Initiative für Ostdeutschland in Madrid um potentielle Investoren bemühte. Auf der großangelegten Verkaufstournee waren die Firmenverkäufer vorher bereits in Rom, Paris und Brüssel gewesen. Aber offensichtlich hatte den braven Teutonen niemand gesagt, daß man ein weitgehend uninformiertes, zweifellos neugieriges Publikum nicht mit detailgespickten Fachreferaten hinter dem Ofen vorlocken kann.

War es denn wirklich nötig, den spanischen Gästen ein fast dreistündiges Vortragsprogramm über komplizierte Fragen der Eigentumsordnung in der Ex-DDR, über konkrete Investitionshilfen und Finanzierungsprogramme zu liefern? Unter den rund siebzig Vertretern spanischer Unternehmen, die der Einladung der Banco Hispanoamericano gefolgt waren, wollten gewiß viele über Investitionsmöglichkeiten in el este de Alemania informiert werden. Am Ende dieses zähen, von vier schweren Fachreferaten geprägten Abends rührte sich freilich keine Hand mehr zur Diskussion. Als die Gastgeber zum obligatorischen Cocktail baten, waren die Reihen der Zuhörer bereits gelichtet.

Die werbenden Treuhand-Experten und ihre Freunde von den Großbanken machten den Fehler, bei ihrer Verkaufstournee eine heile Welt zu malen. Oft war in den Vorträgen von „tendenziösen Berichten in der Presse“ die Rede. Als hätten die Medien schuld daran, daß sich in der Ex-DDR nicht das ersehnte Wirtschaftswunder aufgetan hat, sondern zunächst viel Not und Elend herrschen. In einem Land wie Spanien, das in den vergangenen fünf Jahren schmerzhafte Modernisierungs- und Anpassungsprozesse hinter sich brachte, sollte man derartige Negativentwicklungen nicht einfach verschweigen. Auch die spanischen Medien berichten ausführlich über die Schwierigkeiten jener unificación alemana, beschreiben realistisch das deutsche Neuland im Osten und mokieren sich über die Jagd deutscher Glücksritter nach der schnellen Mark.

Der Alpdruck der Arbeitslosigkeit, weit verbreitete Gesetzesunkenntnis, chaotische Verwaltungen, vertrauensselige Menschen und überforderte Bürgermeister – die Spanier wissen genau, was sie in den neuen Bundesländern erwartet. Bei der Werbe- und Verkaufstournee will die Berliner Treuhand hauptsächlich an den eingeschlafenen Pioniergeist ausländischer Unternehmen appellieren. In Spanien ist dieser Ruf bisher weitgehend verhallt, weil die heimischen Unternehmer noch nie zur risikofreudigen Gruppe der Exporteure und Entdecker gehörten; fünfzehn Jahre nach Franco sind die Fremdsprachendefizite bei der spanischen clase económica noch derart groß, daß jeder Ausflug ins europäische Ausland zu einem kleinen Abenteuer gerät, bei dem sich die Reisenden radebrechend durchschlagen müssen.

Die Vorstöße dieser schlapp gewordenen conquistadores sind denn auch an einer Hand abzuzählen. In Magdeburg beteiligt sich ein spanisches Bauunternehmen an einer Tiefbaufirma, wobei der Ex-DDR-Botschafter in Madrid zum gutbezahlten Berater avancierte. In Zwickau errichten Spanier eine Montagehalle für den VW-Konzern. Und noch immer sucht der spanische Fisch-Multi Calvo in Rostock nach einem Partner, mit dem er den Sprung auf den lukrativen deutschen Thunfisch-Markt schaffen kann.