Von Antonella Romeo

Vor zehn Jahren spielte Paolo Conte noch einsam an seinem Flügel, in italienischen Theatersälen, deren Sitze keineswegs mit Samt bezogen waren. Sie waren unbequem, seine Stimme auch. Dann holten ihn die Franzosen aus seinem Asti, dem Provinzstädtchen im Piemont, wo er 54 Jahre zuvor geboren wurde. Es war das Jahr 1985. "Paris schenkte mir den Erfolg, der mir in Europa die Türen geöffnet hat", erklärt Paolo Conte.

Paris ist die Primadonna einiger seiner Lieder. Paris, dieses "Licht der Eroberung", dieses "freundliche Hotel, wo man vor Liebe stirbt". "Paris ist immer noch eine Hauptstadt der Kultur", sagt Monsieur Conte. "Italien hat nicht mal im Traum daran gedacht, einen Künstler wie mich im Ausland herauszubringen."

Auf Paris folgten Deutschland und Holland, dann Montreal und New York. Für eine siebentägige Tournee durch sechs Städte kam er vor kurzem zum dritten Mal nach Deutschland. Eine Tournee wie diese erlaubt ihm nie, die Koffer auszupacken oder die Stadt seines Publikums kennenzulernen. Paolo Conte hegt einen höflichen Widerwillen gegen diese Art Tour de force, mit der er sich aber abgefunden hat. Man lasse ihn nur bis in den späten Vormittag schlafen, der erste Termin soll bitte nicht vor drei Uhr nachmittags stattfinden.

Wenn man seinen Erfolg in Deutschland erwähnt, zeigt er sich ohne falsche Bescheidenheit wirklich erstaunt. Mag sein, die Deutschen sind der italienischen Kultur wohl gesinnt, aber ihm ist nicht danach, etwas besonders Italienisches zu vertreten. "In den Italienklischees finde ich mich nicht wieder, weder in den guten noch in den schlechten. Ich will hier nicht den Anschein erwecken, ein Staatenloser zu sein. Aber auch, als ich noch keinen Erfolg hatte, fühlte ich mich schon als Weltbürger. Ich hätte genausogut in England oder in Afrika zur Welt kommen können."

Seine Lieder suchen ungewöhnliche Orte auf: Dschungel, Pampas, Savannen, Inseln, nächtliche Ozeane; aber auch triste Hotelzimmer, öffentliche Badehäuser oder Monde, die aus Marmelade sind. Sind es die exotischen Orte der Träume? Nein, es seien einfach Stätten der Seele. "Sie verkörpern ein Unbehagen, das schon viele Künstler dieses Jahrhunderts heimgesucht hat. L’ailleurs, wie es die Franzosen nennen. Die Schamhaftigkeit, die einen dazu veranlaßt, bestimmte Geschichten nicht im täglichen Leben spielen zu lassen, sondern in den Städten der Phantasie, an exotischen Orten, wo die Imagination sich freier fühlen darf."

L’ailleurs, dem "Anderswo", begegnet man vor allem in der Musik, die Paolo Conte komponiert, bevor er die Worte schreibt. Seine Lieblingsmusik ist die nordamerikanische, an erster Stelle steht der Jazz. "Ich war einer jener seltenen Vögel, die im Jazz etwas anderes als die gewohnten Traditionen sehen: eine Musik mit besonderem Saft und begeisternder Schönheit. Wir sammelten Schellackplatten, die seit der Zeit des Faschismus unter der Hand zirkulierten, trotz des Verbots. Sie waren teuer, zerbrechlich, rar. Wir jagten jeder Scheibe einzeln nach, wir hüteten diese Entdeckung eifersüchtig."