Dem ehrwürdigen Kurhotel zu Travemünde hat man – es mag zu Beginn der sechziger Jahre geschehen sein – einen scheußlichen Anbau zugefügt. Er beherbergt den Kursaal. Daß just an dieser Stelle einst jene „Schweizerhäuser“ standen, in denen der Knabe Thomas Mann vor hundert Jahren die Sommerferien verbrachte und die er später in den „Buddenbrooks“ verewigte, das wußten wohl nur wenige der Autoren, die sich am vergangenen Wochenende zu einem außerordentlichen Kongreß des VS, des Schriftstellerverbands in der IG Medien, trafen. Die Rede war davon nicht.

Die deutschen Autoren haben derzeit anderes zu bereden. Und zwar miteinander. Zum ersten Mal kamen in diesem Saal – mit Ausblick auf die mecklenburgische Küste – die Schreibenden aus West und Ost als Mitglieder eines Verbandes zusammen. Nicht unvorbereitet, aber ohne die Geborgenheit des eingeübten Rituals. Selbst die Geschäftsordnung bot da nur vagen Halt.

Ein Gipfeltreffen deutscher Schriftsteller? Sagen wir so: Bernt Engelmann und Stefan Heym bezeichneten die obere Grenze literarischer Prominenz. Was von der „Einigkeit der Einzelgänger“ geblieben ist: die Einigkeit. Die großen Einzelgänger blieben fort. Heinrich Böll, der den Begriff einst in den Gründungstagen des westdeutschen Verbands geprägt hat, lebt nicht mehr; Günter Grass ist ausgetreten, als sich der VS der Mediengewerkschaft eingliederte; Martin Walser blieb im Bodensee und ließ sich in Schleswig-Holstein nicht blicken – sowenig wie Christoph Hein, Hermann Kant oder Christa Wolf.

Jene, die kamen, schlugen sich wacker. Einigkeit, wie gesagt, kaum Streit. Einigkeit vor allem darüber, daß nichts unter den Teppich gekehrt werden solle, schon gar nicht Spitzeltätigkeit und Denunziation im alten DDR-Schriftstellerverband. Was vor Beginn des Travemünder Kongresses befürchtet worden war, fand nicht statt: Leisetreterei, Laisser-aller.

Kaum Streit und dennoch deutliche Worte. Sogar Stefan Heym fand sie in seinem Eröffnungsreferat. Zwar nannte er die vieldiskutierten Briefe des VS-Vorstands an einige Ex-DDR-Autoren „vom strikten Gewerkschaftlichen her gesehen“ unangebracht, doch seien die lauten Proteste der Empfänger, die sich als „ausgegrenzt“ betrachten, einfach komisch: Denn sie hätten, „als sie im Schriftstellerverband der DDR das Sagen hatten, ihrerseits eine ganze Anzahl von Kollegen nicht nur ausgegrenzt, sondern ausgeschlossen“. Uwe Friesel, der alte und neue Vorsitzende des VS, verteidigte temperamentvoll die Absicht des Bundesvorstands, mit diesen Briefen, 23 an der Zahl, eine Schamfrist anzumahnen: als Bitte gedacht und als Empfehlung vorgebracht, den Antrag auf Aufnahme in den nun einzigen deutschen Schriftstellerverband noch etwas hintanzustellen. Joachim Walther, der 1990 auf dem letzten Kongreß des DDR-Schriftstellerverbands zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt worden war, fand noch deutlichere Worte als Friesel (Walthers Rede ist auf Seite 53 nachzulesen).

Keine Geborgenheit im Ritual: Man stolperte tastend aufeinander zu – aber strauchelte nicht. Und ein zumindest den Mitgliedern aus dem Osten vertrautes Ritual gab es ja doch: den Auftritt von Politikern. Björn Engholm, der Ministerpräsident, und Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble – er sogar, als Schirmherr – vermittelten dem Kongreß das Gefühl, auch im vereinten Deutschland sei die Staatsmacht an Literatur nicht völlig desinteressiert. Stefan Heym, der gleich nach Schäuble sprach, gab sich „berührt“ ob dessen Rede. Er sei optimistisch, „wenn wir es mit solchen Partnern in Zukunft zu tun haben werden“. Das hätte sich die CDU wohl auch nicht träumen lassen ...

Fehlte nur die Musik. „An diesem Ort gingen das Meer und die Musik in meinem Herzen eine ideelle, eine Gefühlsverbindung für immer ein“ – fast so idyllisch, wie es die Kindheitserinnerungen Thomas Manns an Travemünde nahelegen, klang der Kongreß aus. „Durchblicke zwischen silbrigen Buchenstämmen in eine Pastellblässe von Meer und Himmel“ schienen am Ende das Miteinander der Schriftsteller, Übersetzer, Kinderbuchautoren und Journalisten beeinflußt zu haben. In den letzten Stunden, die für den Wust von Anträgen nicht mehr ausreichten, leuchtete sogar die Sonne in den holzgetäfelten Saal und erhellte, daß hier zwar keine Dichterakademie, sondern ein Berufsverband tagte – doch das mit Anstand und nicht ohne Geschick. Volker Hage