Von Ludwig Siegele

Der TGV ist eine weitere Etappe auf der Suche des Menschen, sich selbst zu übertreffen", versicherte der französische Präsident François Mitterrand, als er am 22. September 1981 den ersten train à grande vitesse (TGV) auf die Reise schickte. Der Superzug erschien Mitterrand damals als "ein Zeichen für die Welt, daß Frankreich beabsichtigt, eine große Nation der Erneuerung zu bleiben".

Fast zehn Jahre danach kann sich Mitterrand auf ganzer Linie bestätigt fühlen. Während die Deutschen ihren Hochgeschwindigkeitszug Intercity-Express (ICE) erst am kommenden Sonntag in Betrieb nehmen (siehe Seite 57: Im Zug der Zeit), ist der TGV längst zum großen Alltagsrenner geworden. "Der TGV ist ein Riesenerfolg – vor allem wirtschaftlich", freut sich François Lacote, Cheftechniker der Eisenbahngesellschaft SNCF.

Tatsächlich kann der Schienenmanager mit beeindruckenden Zahlen aufwarten: Bis zu 60 000 Menschen steigen pro Tag in den pfeilschnellen Zug von Paris nach Lyon. Die Auslastung liegt im Schnitt bei 76 Prozent. Allein im vergangenen Jahr verdiente die SNCF dabei netto über eine halbe Milliarde Mark. Kein Wunder, daß sich Züge und Schienen in der Rekordzeit von knapp zehn Jahren rentiert haben.

Mittlerweile will die Pariser Regierung sogar das ganze Land auf Hochgeschwindigkeit bringen. Schon fährt der TGV Atiantique nach Bordeaux und in die Bretagne. Und vor kurzem beschloß das Kabinett, das Netz neuer Strecken von heute rund 700 auf 4700 Kilometer auszubauen. Bis spätestens 2025 sollen alle größeren französischen Städte von Paris aus in kaum mehr als drei Stunden erreichbar sein.

Bei solchen Daten ist sogar die Konkurrenz voll des Lobes – und des Dankes. "Ein hervorragendes System", gesteht Theo Rahn, Präsident des Bundesbahnzentralamtes in München und ICE-Experte. "Die Franzosen haben damit nachgewiesen, daß der Hochgeschwindigkeitszug vor allem in Europa eine Zukunft hat."

Gare de Lyon, Freitag vergangener Woche, 16.30 Uhr. Bedrohlich brummend steht der Zug 83 in Gleis 14 – ein oranges Ungetüm mit einer Art Flugzeug-Schnauze, geformt weniger durch den Windkanal als durch den französischen Modernitätswillen der siebziger Jahre. Normalerweise nimmt der TGV die 425 Kilometer der Lyoner Route nach Feierabend im 25-Minuten-Takt, um etwa zwei Stunden später dort einzutreffen.