BUCH IM GESPRÄCH

Von Christoph Bertram

Ein Buch ist das wie mancher ZEIT- Artikel: Zu lang für den Inhalt, aber dennoch voller überraschender, nützlicher Informationen. Gail Sheehy, Reporterin der Zeitschrift Vanity Fair und als Biographin bedeutsamer Zeitgenossen ausgewiesen, hat sich diesmal keinen Geringeren als Michail Gorbatschow vorgenommen. Und dabei geht es ihr weniger um die Leistung dieses Mannes als vielmehr um die Aufklärung des Rätsels, das er immer noch verkörpert: Wie konnte aus einem einst treuen Apparatschik des alten Kommunismus der Prophet und Wegweiser des neuen Denkens werden?

Sheehy sieht die Lösung des Rätsels in drei Erklärungen: in Gorbatschows Herkunft, in der ihm eigenen Mischung von Anpassung und Unabhängigkeit und schließlich in Raissa Gorbatschowa, seiner "Geheimwaffe".

Die Herkunft: Nicht ein blasses, verhätscheltes Muttersöhnchen des Stalinismus, sondern ein kräftiger, rundlicher, energischer Kosakenjunge tritt da, vom Kaukasus aus, den langen Weg durch die sowjetischen Institutionen an. Sheehy schildert Gorbatschows Kindheit im Dorf Priwolnoje und hat sogar mit dem ersten Schwarm des jungen Mischa – Alexandra, dem Mädchen von nebenan – gesprochen: "Er war tapfer und so flink!" Einen kräftigen Schuß Optimismus und Dickköpfigkeit muß er von seiner Mutter geerbt haben. Und trotz all der Armut und Bedrängnis seiner frühen Jahre hat der kleine Junge offenbar eine glückliche Kindheit verbracht.

Anpassung und Unabhängigkeit: Zum einen ist der aufsteigende Gorbatschow für Gail Sheehy der "perfekte homo sovieticus". Er redet seinen Gönnern nach dem Munde, wittert rechtzeitig Richtungsänderungen, bespitzelt Kollegen und drischt Phrasen. Zielstrebig benutzt der kleine Mischa die Partei, um der Enge seiner Heimat zu entkommen und den sozialen Aufstieg zu schaffen: Mit 14 tritt er dem kommunistischen Jugendverband bei, mit 21 ist er Vollmitglied der Kommunistischen Partei, mit 40 Parteisekretär in seinem Heimatbezirk Stawropol, mit 47 ZK-Sekretär für Landwirtschaft in der Moskauer Zentrale, mit 49 sitzt er stimmberechtigt im Politbüro, mit 54 schließlich ist er Parteichef. Zu seinen Förderern auf dem langen Weg nach oben gehören Betonköpfe wie Suslow und Kulakow, der kranke Reformer Andropow macht ihn zu seinem politischen Ziehsohn, aber auch "Breschnjew hat mich gern", wie er einer alten Moskauer Freundin gestand, und Tschernjenko, dessen verknöcherter Nachfolger, "schätzt mich sehr".

Aber dennoch – und dies ist die eigentliche Leistung dieses ungewöhnlichen Mannes – wurde sein politischer Lebensnerv durch alle diese Verrenkungen nicht korrumpiert. Da blieb immer noch genug Ungeduld, die Welt zu verbessern, genug Neugierde, hinter die potemkinschen Fassaden zu blicken, genug Vertrauen auf den eigenen gesunden Menschenverstand. Als dem jungen Studentenfunktionär in Moskau mitten in der Mensa die einzige Hose platzt, da poltert er sich aus der Verlegenheit mit einer dialektischen Meisterleistung, indem er, der Bloßgestellte, einen Kommilitonen bloßstellt: "Ich habe nur einen einzigen Anzug, und jetzt reißt mir die Hose. Unser Genosse hier aber hat einen ganzen Haufen Anzüge, und er geht tanzen und nimmt die Mädchen mit in seine Wohnung. Also wo ist er denn, dieser Sozialismus!"