Wie der Westen den Reformern in der Sowjetunion helfen kann

Von Maria Huber und Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im Mai

Die Sowjetunion unterscheidet sich von den Ländern Osteuropas dadurch, daß ihr Kommunismus zwar tot, aber noch nicht begraben ist. Die Menschen sehen, wie furchtbar das System versagt und was es verbrochen hat. Aber sie sind sich keineswegs so einig und auch nicht so sicher, wie es die Osteuropäer waren, daß sie für den Kapitalismus und die westliche Demokratie geboren sind. Die Osteuropäer grenzten sich von ihren Diktaturen ab, indem sie den Westen vertraut den „freien Teil der Welt“ nannten. Die Sowjetbürger schätzen die Distanz anders ein. Sie sprechen von der „ganzen zivilisierten Gemeinschaft“, die sie ihrem eigenen Staat gegenüberstellen.

Nicht zuletzt deshalb wäre wenig gewonnen, wenn der Westen heute für das Moskauer Zentrum die Unsummen aufbringen würde, nach denen der Kreml in seiner immer größeren Devisennot verlangt. Die Not ist so groß, die Finanzierungslücken sind so erschreckend und die lebenswichtigen Importe so stark zurückgegangen, daß die sowjetischen Führer jetzt die sieben großen Industriemächte auf einen Streich zur Hilfe für ihr geplagtes Land verpflichten wollen.

Jewgenij Primakow, der in Gorbatschows Sicherheitsrat für die Gipfelgestaltung zuständig ist, und der stellvertretende Ministerpräsident Wladimir Tscherbakow, der das wirtschaftliche Notprogramm durchsetzen soll, unterbreiten in dieser Woche in Washington werbende Papiere für eine direkte Mitsprache der dringend benötigten ausländischen Kapitalgeber beim Reformprozeß. Warnend zieht gleichzeitig die Prawda vom Leder, daß jedes Zögern die Menschheit in die dunklen Tage des Kalten Krieges zurückwerfen könnte: „Wieviel müßte die Welt für ein neues Wettrüsten – das Gott verhüten möge – ausgeben: 600 Milliarden oder drei Billionen Dollar?“

Schockierender Devisenschwund