Von Dieter Beisel

Makelle, im Mai

Der äthiopische Diktator Mengistu Haile Mariam ist geflohen, die Aufständischen sind in der Hauptstadt Addis Abeba einmarschiert. Sie bereiten den endgültigen Sturz des verhaßten kommunistischen Regimes vor.

An der Spitze der unter dem Akronym EPRDF (Ethiopian People’s Revolutionary Democratic Front) vereinten Rebellenverbände steht Meies Zenawi. Er gilt schon heute als einer der aussichtsreichsten Kandidaten für das Amt eines frei gewählten Ministerpräsidenten Äthiopiens. Falls er tatsächlich Staatschef wird, könnte er seinen „Regierungssitz“ im unwegsamen Karstgebirge der Provinz Tembien nach Addis Abeba verlegen.

Die Höhlen, in denen er bisher „residierte“, sind in einem steil abfallenden Felsenband in fast 3000 Meter Höhe verborgen. Gestaffelte Ketten von Wachposten riegeln sie Hermetisch ab. Mit raschem, auf dem steinigen Gelände sicheren Schritt, kommt ein Mann im Khakianzug auf den Reporter zu. „Ich bin Meies“, sagt er. „Sie wollen mich sprechen.“ Er fragt nicht, er stellt fest und macht deutlich, daß er an einem höflichen Small talk kein Interesse hat.

Meles Zenawi, 35, verheiratet, eine Tochter, ist der jüngste jener zwölf Tigreer, die 1975 die Volksbefreiungsfront Tigre (TPLF) gegründet haben. 1979 wurde er zu deren Vorsitzenden gewählt, 1991 zum Generalsekretär der EPRDF. In diesem Verband hat die TPLF das Sagen.

Doch reichen die Erfahrungen als Rebellenführer aus, um das durch einen dreißigjährigen Bürgerkrieg zerrissene Land in eine bessere Zukunft zu führen? Welche Visionen entwirft Meies für Äthiopien? „Ich spreche nicht über Visionen“, berichtigt er sofort. „Wir kämpfen nicht für Ideen. Unsere Probleme sind konkret. Wir sind zu der Überzeugung gelangt, daß Demokratie die Voraussetzung ist, sie zu lösen. Darum kämpfen wir für eine demokratische Verfassung.“