Von Volker Ullrich

Alles verzeiht man in Deutschland einem Politiker – nur eines nicht: einmal Kommunist gewesen zu sein. Keiner hat dies schmerzhafter zu spüren bekommen als Herbert Wehner, einer der großen Männer der deutschen Sozialdemokratie nach 1945. In den fünfziger, ja auch noch in den sechziger Jahren war er immer wieder bösartigen Angriffen ausgesetzt, die auf diesen einen Punkt seiner Biographie, seine kommunistische Vergangenheit, zielten.

Wehner hat zu den Anwürfen und Verdächtigungen zumeist geschwiegen. Nur gelegentlich ließ er erkennen, wie sehr sie ihn trafen. Er habe sich manchmal gefühlt, als werde ihm die Haut bei lebendigem Leibe abgezogen, klagte er einmal. In seinen noch im Gefängnis in Schweden begonnenen, 1946 abgeschlossenen „Notizen“ hat er, soweit es ging, vor sich selbst Rechenschaft abzulegen versucht. Veröffentlicht wurden sie erst 1982, im Jahr der Wende, als die Sozialdemokraten die Macht in Bonn verloren, um deren Erwerb und Erhaltung der alte Fuhrmann der SPD wie kein anderer in seiner Partei gekämpft hatte.

Jetzt, reichlich ein Jahr nach seinem Tode, erscheint die erste Biographie des „jungen Wehner“, die verspricht, Klarheit ins Gestrüpp der Legenden und Halbwahrheiten zu bringen. Ihr Verfasser, der Heidelberger Historiker und SPD-Bundestagsabgeordnete Hartmut Soell, besaß gegenüber bisherigen Wehner-Biographen einen Vorteil: Er hat – wenn auch offenbar nur selektiv – Einblick genommen ins Allerheiligste der früheren SED-Herrschaft – die im (einstigen) Institut für Marxismus-Leninismus (IML) in Ost-Berlin verwalteten Archivalien zur KPD- und Komintern-Geschichte. Auf der Grundlage dieses Materials ist es ihm möglich, die erste Lebenshälfte Herbert Wehners mit kritischer Sympathie, frei von Vorurteilen und Verzerrungen zu würdigen.

Allerdings fordert der Autor uns viel Geduld ab. Er liebt die Umwege und Abschweifungen. Allein achtzig Seiten braucht er, um sich bis zum Geburtsdatum Herbert Wehners, dem 11. Juli 1906, vorzuarbeiten. Dann aber wird der Leser entschädigt durch eine dichte Schilderung des proletarischen Milieus, in dem das Kind eines Dresdner Schuhmachers aufwuchs. Soell setzt die prägenden Einflüsse der frühen Jahre auf das spätere Verhalten des Politikers Wehner relativ hoch an. Dessen häufig verletzende Schroffheit im öffentlichen Auftreten, hinter der sich eine mimosenhafte Empfindlichkeit verbarg, wird zurückgeführt auf eine Art Festungskomplex – hier die Familie, die einzig Sicherheit und Halt bot, dort die feindliche Außenwelt, die für das Arbeiterkind manche Kränkungen bereithielt.

Wehner teilte mit vielen Angehörigen seines Jahrgangs das Gefühl, immer zu spät gekommen zu sein – zu spät, um noch aktiv in Krieg und Revolution einzugreifen, zu spät auch, um auf dem hoffnungslos überfüllten Arbeitsmarkt der zwanziger Jahre noch günstige Berufschancen vorzufinden. Was lag für diese „überflüssige Generation“ näher, als in Ersatzwelten Zuflucht zu suchen, im „Mythos der Revolution“ zum Beispiel, der zu Beginn der zwanziger Jahre viele Namen und Gesichter trug? Der sechzehnjährige Wehner trat Anfang 1923 der sozialdemokratischen Arbeiterjugend bei, doch kehrte er ihr schon Ende 1923, nach der „Reichsexekution“ gegen die Linksregierung in Sachsen, den Rücken.

Unversehens finden wir den von der SPD Enttäuschten in der anarchistischen Szene wieder. Soell hat, was allein seinem Werk hohe Aufmerksamkeit sichern dürfte, als erster die vielleicht interessanteste, von allen bisherigen Biographen sträflich vernachlässigte Phase im Leben des jungen Wehner erforscht. Als eine von vielen Entdeckungen zitiert er die Verse Walt Whitmans, die Wehner damals einem Jugendfreund in ein Buch schrieb: „O und zuletzt nur noch wir zwei allein / Ein Wort, das den Pfad vor uns ins Unendliche lichtet / Etwas Entrücktes und Unausdeutbares! / O eine wilde Musik / Jetzt triumphiere ich, und Du sollst es gleichfalls! / Hand in Hand! O labungsvolle Wonne / Noch ein Sehnsüchtiger und Liebender mehr! / Eile Dich, Dich an mir festzuhalten! / Zu eilen vorwärts, vorwärts mit mir zu eilen!“