Die Metropole im Norden hat die erfolgreichen Südländer eingeholt

Von Elke Broder

Wenn die Barkasse zwischen den spitzgiebeligen Backsteinbauten entlanggleitet, offenbart der Kapitän den „Herrschaften“, sie seien nun in der Speicherstadt, „der alten Schatzkammer Hamburgs“. Staunend vernehmen die Passagiere, die sich auf große Hafenrundfahrt begeben haben, daß hier Teppiche, Spezereien und allerlei Elektronisches im Wert von Milliarden Mark gelagert sind.

Doch nicht Speicherstadt, Hafen und Handel, die Hamburg zu einer mächtigen und reichen Stadt machten, sind die aktuellen Symbole der Prosperität, sondern ungleich Profaneres: Baustellen. Der Himmel über Hamburg hängt voller Baukräne – sichtbare Zeichen für Investitionen und Aufschwung. Auch für einen Boom? Da ziehen Behördensprecher und Politiker vorsichtig die Bremse. „Boomtown Hamburg“, dieses Pressegespenst mag der Erste Bürgermeister Henning Voscherau ebensowenig wie Wirtschafts- und Verkehrssenator Wilhelm Rahlfs.

In der schmucklosen Begrifflichkeit, die der FDP-Politiker Rahlfs bevorzugt, schnurrt der Boom denn auch zu „solidem, erfreulichem Wirtschaftswachstum“ zusammen. Selbst wenn Rahlfs sich auf Wahlkampfveranstaltungen dazu hinreißen läßt, beides als „Sensation“ zu proklamieren, kann das nicht allein als Stimmenfang abgetan werden. Denn seit zwei Jahren legt das Bruttoinlandsprodukt Hamburgs stärker zu als das der meisten anderen Bundesländer; im vergangenen Jahr wuchs die Wirtschaft um 5,2 Prozent. Nur Hessen und Bayern konnten da noch mithalten. Hamburg, lange Zeit Schlußlicht im regionalen Wachstumsvergleich, schloß in knapp drei Jahren zur Spitze auf.

Über solchen Aufschwung auch nur zu spekulieren, hatte in der Hansestadt über Jahre als realitätsfremd gegolten. Die Erinnerung an krisengeschüttelte Zeiten ist denn auch noch frisch. „Anfang der achtziger Jahre“, blickt Wilhelm Rahlfs zurück, „stand die Stadt noch auf der Kippe.“ Unternehmen flüchteten reihenweise in das Umland, traditionell starke Branchen wie die Mineralölindustrie rutschten in die roten Zahlen, die lange schon kriselnden Werften mußten weiter schrumpfen. Allein zwischen 1980 und 1985 gingen im Schiffsbau mehr als 5000 Arbeitsplätze verloren. Im Zuge der Wirtschaftskrise ächzte der städtische Haushalt unter wachsenden Ausgaben für soziale Beihilfen. Auf 850 Millionen Mark, viermal mehr als ein Jahrzehnt zuvor, bezifferte Bürgermeister Klaus von Dohnanyi 1983 die Gesamtkosten im Sozialhilfebereich. Als Hamburg noch dazu mit Umweltskandalen, dem Dauerkonflikt um die besetzten Häuser in der Hafenstraße und politischem Zwist von sich reden machte, galt die Stadt vollends als Absteiger.

„Chance der späten Entwicklung“