Von Justin Westhoff

Das Abendessen im Berliner Hotel Kempinski war opulent, jedenfalls nach den Maßstäben des damals noch amtierenden Präsidenten des Bundesgesundheitsamtes (BGA), Professor Georges Fülgraff. Der Gesprächsanlaß jedoch erschien ihm mehr und mehr belanglos. Als ihm der Manager aus der Pharmabranche zum Abschied die Hand gereicht hatte, fand der BGA-Chef in seiner eigenen Hochkarätiges. Den erstaunten Blick des so Beschenkten bemerkend, bot der Mann zum Ersatz einen Computer an, „wenn Sie Brillanten nicht mögen“.

Daß der Expräsident weder das eine noch das andere „mochte“, weiß, wer ihn kennt. Sottisen wie diese sind ohnehin die Ausnahme, wenn es darum geht, Industrieinteressen bei der obersten Gesundheitsschutzbehörde der Republik ungebührlichen Raum zu verschaffen. Und selbst der Aufstieg und Fall des Fülgraff-Nachfolgers Professor Karl Überla, dem diverse Interessenkollisionen nachgewiesen wurden und der deshalb 1985 seinen Hut nehmen mußte, ist nicht typisch. Der Lobbyismus wandelt meist auf klassischeren Pfaden, wenngleich mitunter auch Kriminelles und Halbkriminelles geschieht.

Der Grund für die ständige Versuchung liegt auf der Hand: Das Bundesgesundheitsamt entscheidet letztlich über Wohl und Wehe der Pharmaprodukte. Das Arzneimittelinstitut im BGA läßt neue Medikamente zu, hat bei Nebenwirkungen, die neu bekannt werden, einzuschreiten – bis hin zum Verbot – und zudem noch eine umfassende Altlast auf dem Buckel: Alle Mittel, die vor dem seit 1978 gültigen Arzneimittelgesetz auf dem Markt waren, müssen „nachzugelassen“ werden oder auch nicht, das heißt, die Berliner Behörde hat zu klären, ob die Weiterverwendung dieser oft sehr umsatzträchtigen Altpräparate nach modernen Erkenntnissen noch zulässig ist.

Da ist der Anreiz groß, mit allen Mitteln Einfluß zu gewinnen. „Schon seit geraumer Zeit ist uns klar“, sagt Pressesprecher Klaus Jürgen Henning, „daß unsere Beschäftigten neben fachlichen auch kriminalistische Fähigkeiten haben müssen.“ Aber es ist auch die Schwäche einiger BGA-Mitarbeiter, die dazu führt, daß Entscheidungen gegen Gesetz und Vernunft getroffen werden.

Im August 1990 zum Beispiel ließ das BGA aufgrund von Hinweisen am Flughafen Frankfurt einen „Vermittler“ verhaften und in Berlin einen Amtsmitarbeiter. Die beiden hatten versucht, für eine halbe Million Mark einem mittelständischen Pharmaunternehmen die Zulassungsunterlagen für den Marktrenner Sandimmun zu verkaufen, dessen Patentschutz Ende 1992 ausläuft. Obwohl das Geschäft nicht schlecht gewesen wäre – die Firma hätte viel Zeit sowie Millionen für Arzneimittelentwicklung gespart –, schaltete der potentielle Käufer selbst die Behörden ein.

Empfänglichkeiten der über 400 Mitarbeiter im Institut für Arzneimittel des BGA sind nicht die Regel. Die wenigen Ausnahmen zeigen, auf welche Weise einzelne Industrielle zu korrumpieren versuchen. Einige Beispiele: Da läßt sich ein BGA-Mann von Mitarbeitern eines westdeutschen Arzneimittelherstellers durch das Pariser „Vergnügungs“ viertel Montmartre schleppen, diverse Freuden bezahlen und dummerweise wohl auch noch photographieren. Bei einem anderen beobachtete man gehäufte Besuche und Geschenke gerade von jenen Herstellern, über deren Produkte er mit zu entscheiden hatte. Ein dritter, in leitender Position, betrieb lukrativen Tourismus. Bei Kongressen ließ er sich mitunter Reisekosten für sich und seine Frau sowohl vom Veranstalter als auch von Firmen erstatten, denen er seine „Beratungsleistung“ angeboten hatte. Die Finanzierung lief dabei manchmal verdeckt über „Fachgesellschaften“, welche die Kosten über Pillenproduzenten refinanzierten.