Von Hans Schuh

Die oft hitzige Debatte um den Treibhauseffekt und dessen Folgen könnte künftig etwas entspannter geführt werden. Denn einerseits wächst auch im Widerstandsnest Amerika die Einsicht, daß die Bekämpfung einer globalen Erwärmung sinnvoll ist. Andererseits legen neue, in der Grundkonzeption verbesserte Klimarechnungen des Hamburger Max-Planck-Institutes für Meteorologie nahe, daß die Aufheizung der Erde langsamer verläuft als bisher befürchtet. In den nächsten dreißig bis vierzig Jahren stünde demnach eine weltweite Erwärmung um etwa ein halbes Grad bevor – die bisherigen Prognosen gingen von zwei- bis dreimal höheren Werten aus.

Die klimatische Verschnaufpause ist vor allem den Ozeanen zu verdanken, deren Langzeitwirkung in früheren Berechnungen kaum Berücksichtigung fand. Aber auch der Anstieg des Meeresspiegels fällt weniger dramatisch aus, liegt er doch etwa um die Hälfte niedriger als die Fachleute noch Ende vergangenen Jahres auf der Weltklimakonferenz annahmen.

Um ihre äußerst komplizierten Rechnungen zu vereinfachen, gingen die Klimatologen früher bewußt von zwei unrealistischen Voraussetzungen aus. Erstens wurden die Ozeane, wenn überhaupt, lediglich als Gewässer mit fünfzig Meter Einheitstiefe berücksichtigt. Da die Meere zweihundertmal tiefer sein können, liefert eine solche Einheitspfütze kein adäquates Bild der Wettermaschine namens Meer. Vor allem die gewaltigen, für das Klima wichtigen Meeresströmungen, die teilweise mehrere Jahrhunderte für einen Zyklus benötigen, kommen darin nicht vor. Das Hamburger Klimamodell läßt Meerestiefen bis zu fünf Kilometer zu und liefert so ein halbwegs wahrheitsgetreues Bild. Zweitens nahmen alle Klimamodelleure früher einfach eine schlagartige Verdoppelung des Gehaltes an Treibhausgasen in der Luft an.

Natura non facit saltum (die Natur macht keinen Sprung), dies wußten schon die alten Teutonen. Da heutzutage jedoch selbst die Fachleute nicht wissen, wie schnell die Treibhausgase im Laufe der nächsten Jahrzehnte zunehmen werden, verdoppelten die Wissenschaftler deren Menge kurzerhand, und zwar vom Beginn ihrer Rechnungen an. Dieser Gas-Salto und die Einheitspfütze vereinfachten zwar die Kalkulationen – aber sie verfälschten auch die Ergebnisse, weil beide Annahmen Veränderungen in Richtung eines beschleunigten Temperaturanstiegs bewirkten.

Welche Zunahme der Treibhausgase läßt sich jedoch vernünftigerweise für Klimaprognosen einsetzen? Wo Unsicherheit herrscht, spielen die Forscher gerne Szenarien durch, um die Bandbreite künftiger Entwicklungen abschätzen zu können. Dies haben auch die Meteorologen im Internationalen Ausschuß für Klimaänderungen IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) bezüglich der Treibhausgase gemacht. Der IPCC sollte für die Weltklimakonferenz Ende vergangenen Jahres Diskussionsgrundlagen erarbeiten und versuchen, bei den Rechnungen und Annahmen die Spreu vom Weizen zu trennen.

Den Anstieg der Treibhausgase beschrieb der IPCC in vier Szenarien A, B, C, D. Das Szenario A geht davon aus, daß der Gehalt der Luft an Treibhausgasen in Zukunft unvermindert zunimmt, sich bis zum Jahr 2025 verdoppelt und in hundert Jahren sogar vervierfacht. In den Szenarien B und C wird die Verdoppelung erst Anno 2060 beziehungsweise 2090 erreicht. Szenario D schließlich geht davon aus, daß politische Maßnahmen schnell greifen und eine Verdoppelung der Gasmenge knapp unterschritten bleibt.