Das Bild vom friedlichen Indien wird von einer Welle der Gewalt zerstört

Von Gabriele Venzky

Es war Mahatma Gandhi, der mit seiner Philosophie vom gewaltlosen Widerstand das Bild eines friedfertigen Indiens gezeichnet hatte – ein Mythos, wie bereits seine Ermordung zeigte. Das Attentat auf Rajiv Gandhi bestätigt das erneut. Indien ist gewalttätig geworden. Die sozialen Spannungen entladen sich in alltäglicher Brutalität und unvorstellbarer Grausamkeit, die Verwilderung der politischen Sitten stellt das ganze Staatsgefüge in Frage.

An die Stelle des politischen Dialogs sind Straßenschlachten, Mord und Totschlag getreten. Gedungene Gangster knechten das Land. Selbst den Ausgang von Wahlen steuern sie durch Terror, Einschüchterung und Fälschung, während ihre Bosse zunehmend selbst in die Politik drängen. Geld kauft alles und jetzt auch die Macht. Die angesehene Times of India zählte jüngst die Verdienstmöglichkeiten von Kriminellen auf. Sie reichen von umgerechnet zehn Mark pro Tag, plus Verpflegung, für das Zuschlagen in einer Privatarmee bis zu fünftausend Mark für einen politischen Mord. Eine Wahlstimme kostet zwischen fünf und hundert Mark.

Indien ist stolz darauf, eines der wenigen Länder in der Dritten Welt mit demokratischer Tradition zu sein. Aber was ist das für eine Demokratie? Ist auch sie nur ein Mythos? Die polierte Westlichkeit Nehrus, seiner Tochter Indira Gandhi und schließlich ihres Sohnes Rajiv haben darüber hinweggetäuscht, daß der demokratische Zuckerguß über Indien hauchdünn ist. Gewiß, nach dem Bombenanschlag bei Madras haben sich die demokratischen Institutionen bewährt. Die Armee hat nicht geputscht, sondern dafür gesorgt, daß sich das Blutbad, das dem Tod Indira Gandhis folgte, nicht wiederholte. Die Verwaltung brach nicht zusammen, sondern ging ihren gewohnten schwerfälligen Gang. Und auch die Regierung unter Interimspremier Chandra Shekhar funktionierte.

Aber mit dem Mord an Rajiv Gandhi endete die alte Ordnung Nehrus endgültig. Nun drängt das andere Indien an die Macht, die in grobes khadi gekleidete Provinz, Leute, die nicht auf englische Universitäten gegangen sind und auf die Ideale des Westens pfeifen, weil sie Grund genug sehen, ihnen zu mißtrauen. Die Politik wird in Zukunft sehr viel indischer sein und damit unberechenbarer. Aber wohl auch weniger scheinheilig. Demokratie und Kastensystem schließen einander aus. Wo die Religion strenge Trennungen festschreibt, ist kein Platz für Gleichheit oder soziale Gerechtigkeit.

Deshalb hatten die Kommunisten trotz theoretisch idealer Voraussetzungen in Indien immer nur begrenzt Erfolg. Aus demselben Grund dürfte der ehrenwerte Versuch des ehemaligen Premiers Vishwanath Pratap Singh, das Kastenunwesen mit dem völlig ungeeigneten Instrument gesetzlicher Verordnungen abzuschaffen, zu noch blutigeren Kastenkriegen führen, als sie Indien im vergangenen Herbst schon erlebt hat.