Rostock

In ein paar Wochen wird über das kleine Loch im Unterfeld des Rostocker Friedhofs Gras gewachsen sein. Wenn dann der Gärtner die Kränze auf den Komposthaufen räumt, erinnert nichts mehr an Willy Jagow.

Noch vor gut einem Jahr wäre alles anders gewesen: Ein FDJ-Chor hätte zur Melodie „Ich ha\tt’ einen Kameraden“ den Text von Hans Beimler, Kamerad, gesungen, während Abgesandte von Armee und Stadt vor Delegationen aus Betrieben und Schulen etwas über Sozialismus, Tradition und Vorbild geredet hätten. Dann wäre die Urne mit der Asche des sechsundachtzigjährigen Spanienkämpfers auf einem Ehrenhain vergraben worden.

Vielleicht hätte später sogar eine Schule oder eine Kaserne seinen Namen bekommen; denn Jagow war der dritte von zwölf Ausländern, die sich in die Rekrutierungsliste der antifaschistischen Milizen Spaniens eintrugen und damit die Gruppe Thälmann gründeten. Das war in Barcelona am 19. Juli 1936, sie wollten die Republik gegen Franco verteidigen, der einen Monat zuvor geputscht hatte. Aus der Gruppe wurde später die Hundertschaft, die Centuria Thälmann, schließlich das legendäre Thälmann-Bataillon.

Nun bekam der Kommunist Jagow statt Gedenktafel und sozialistischem Totenkult ein Begräbnis im kleinen Kreis. Wenigstens waren so die Trauergäste nicht aus lästiger Pflichterfüllung erschienen. In der Feierhalle des Friedhofs versammelten sich gut dreißig Leute, die ihn mochten oder die nicht wollten, daß die Erinnerung an Spanien – wie so vieles in diesen Tagen – vorschnell in Vergessenheit gerät: Jugendliche aus seinem Haus, Bekannte, auch einige der letzten Spanienkämpfer.

„Zum Schluß sind seine ganzen alten Ängste hochgekommen“, meint nachdenklich der Freund, der sich bis zuletzt um ihn gekümmert hat. „Er ist die Jahre in den Konzentrationslagern nie losgeworden. ‚Irgend etwas stimmt nicht‘, hat er in seiner letzten Verwirrung immer wieder gesagt, ‚ich glaube, wir werden in ein anderes Lager verlegt‘, und mich hat er gefragt, ob ich von der Wachmannschaft bin.“

Allein in den Einheiten der Volksfront fielen zwischen 1936 und 1939 von den 5000 deutschen Freiwilligen (es waren Kommunisten, Sozialdemokraten, parteilose Christen, Anarchisten, selbst Konservative) mehr als 3000 Mann. Die meisten der Überlebenden kamen anschließend in französischen Internierungslagern und deutschen KZ um. Hinzu kommen noch jene Deutschen, die – unter höchster Geheimhaltung – in der Legion Condor für Franco starben; sie probierten zum Beispiel am 26. April 1937 über Guernica die neuen Stukas und Bomben aus. „Ein voller Erfolg unserer 250er und EC.B.l“ (der Spreng- und Brandbomben), notierte von Richthofen stolz, als er am nächsten Tag den Boden der ausradierten Stadt betrat. Nach ihm sind wirklich Kasernen benannt worden. „Willy Jagow hat geradezu Glück gehabt“, meint ein Historiker, der auch zur Beerdigung gekommen ist, „er hat fast alle Tiefen des Lebens mitgemacht und überlebt.“