Von Horst Bieber

Im zehnten Jahr schlug das Schicksal zu, die Wähler zeigten kein Erbarmen: Bei den Bundestagswahlen vom Oktober 1990 verfehlten die westdeutschen Grünen die Rückkehr in das Bonner Parlament. Die Ökopartei, 1980 gegründet, ist, aus welchen Gründen auch immer, in eine existentielle Krise geraten.

Auch die zweite kleine Partei des Bundestages erlebte im Oktober eine Überraschung, eine freudige indes: Die Freien Demokraten schnitten ungewöhnlich gut ab. Nun sind die Liberalen zu lange im Bonner Geschäft, um das schöne Ergebnis allein auf die Attraktivität ihres Programmes und ihres Personals zurückzuführen. Sie wissen schon, daß sie auch als das kleinere Übel gewählt werden: Die Koalition soll bleiben, aber der größere Partner möge bitte nicht zu groß werden.

Nun ist jede Wahl nur eine Momentaufnahme. Die grüne Idee ist nicht untergegangen, und die Liberalen werden nicht ins Träumen kommen. Dies zu konstatieren heißt freilich nicht, daß die Parteien-Landschaft auch in Zukunft unverändert bleibt; bestimmte politische Sympathien führen ein Eigenleben und entfernen sich gelegentlich gerade von jenen Parteien, die auf sie ein Dauerabonnement zu haben glauben. Gut möglich, daß darunter zur Zeit die Grünen leiden; denkbar auch, daß sich der freidemokratische Liberalismus nur einer Zwischenblüte erfreut. Und weil dies so ist, sollte die Überlegung erlaubt sein, ob sich grünes und liberales Gedankengut nicht zu einer überzeugenden dritten Kraft vereinigen läßt, was – und damit sei dieses Gedankenspiel gerechtfertigt – erstens heute nötiger denn je ist und zweitens der Problemlage beider Parteien angemessen scheint. "Unsinn", wehrt der Liberale ab, "sinnlos", bedauert der Grüne.

Beide monieren voreilig. Der Liberale muß sich vorhalten lassen, daß gerade er möglichst vorurteilsfrei zu prüfen habe, wohin die Reise geht, wohin die Fortsetzung gegenwärtiger Politik führt. Der Grüne muß sich die Frage gefallen lassen, ob er jeden Kompromiß verwerfen darf, nur weil damit nicht gleich alles schlagartig besser wird. Der eine beherrscht die Methode der reformerischen Veränderung, der andere kann etwas über dringende Notwendigkeiten erzählen, und beide täten gut daran, sich fremde Argumente anzuhören. Sie würden erstaunliche Übereinstimmungen feststellen. Denn beiden geht es darum, möglichst vielen Menschen möglichst lange möglichst großes Wohlergehen zu sichern. Die Grünen werden völlig zu Recht vorbringen, daß sich dieses Ziel auf Dauer nicht gegen die Natur oder Umwelt erreichen läßt; die Liberalen werden dem entgegenhalten, daß der Mensch aus krummem Holze geschnitzt sei und den momentanen Vorteil gedankenlos der Sicherung seiner Zukunft vorziehe, immer vorgezogen habe. Bei diesem Stand der Debatte wird sich die Argumentation seltsam verdrehen: Die Grünen werden die (naturwissenschaftliche) Vernunft als Kronzeugen zitieren, die Liberalen den real existierenden (egoistischen) Homo insapiens. Die Aufgabe, zum Zwecke des Überlebens die individuelle Freiheit notfalls einzuschränken und zugleich diese Freiheit zu bewahren: Das ist der Kernpunkt, um den sich die zukünftige Diskussion dreht – dreht im wahrsten Sinn des Wortes.