Von Wolfgang Voigt

Auf der großen Berliner Bauausstellung des Jahres 1931 überraschte ein ungewöhnliches Ensemble von Plänen und Modellen die Besucher. In Halle eins war ein Projekt zu sehen, das in der Presse als der „kühnste Plan seit Menschengedenken“ bezeichnet wurde. Das war keine Übertreibung; was dort gezeigt wurde, sprengte alle bekannten Maßstäbe und war ohne Zweifel die gigantischste technischarchitektonische Utopie des 20. Jahrhunderts. Von Utopie wollte ihr Urheber, der Münchner Architekt und Schriftsteller Herman Sörgel (1885-1952), allerdings nichts hören; er haßte nichts mehr als den Vergleich mit Jules Verne und bestand stets darauf, daß seine Vision mit den technischen Mitteln der Gegenwart sofort realisierbar sei. –

Der zunächst „Panropa“, später „Atlantropa“ genannte Plan zielte auf ein technisches Riesenprojekt von wahrhaft kontinentalen Ausmaßen. Der Schauplatz reichte von Gibraltar bis nach Palästina, von Norditalien bis hinunter zum Äquator. Herman Sörgels Grundgedanke läßt sich in zwei Sätzen zusammenfassen:

• Senkt man den Wasserspiegel des Mittelmeers mit technischen Mitteln dauerhaft ab, gewinnt man gewaltige Flächen Ackerland und unerschöpfliche Energiereserven, die sich ebenso vielfältig wie segensreich einsetzen lassen.

• Die für Atlantropa notwendige Zusammenarbeit der europäischen Staaten macht den Krieg unmöglich; sie führt zur Stabilisierung und friedlichen Vereinigung des zerstrittenen Kontinents.

Zwei Männer, deren Werken Sörgel entscheidende Hinweise entnahm, müssen als Geburtshelfer des Projekts genannt werden. Im Jahre 1926 erschien von H. G. Wells die deutsche Fassung seiner bis in die Urgeschichte der Erde zurückreichenden „Outline of History“. Noch zu Lebzeiten des Neandertalers habe es gar kein Mittelmeer gegeben, war dort zu lesen; an dessen Stelle erstreckte sich ein breites Tal mit einer Kette großer Binnenseen in der Mitte, die erheblich tiefer lagen als der Meeresspiegel. Eine Felsenschranke bei Gibraltar hielt die Wassermassen des Atlantik zurück, bis sie unter dem Druck eiszeitlichen Schmelzwassers bröckelte und das Mittelmeerbecken bis zur heutigen Küstenlinie überflutet wurde.

Ein Jahr später erschien, mit präzisen Daten über den eigentümlichen Wasserhaushalt des Mittelmeers, „Die Straße von Gibraltar“ des deutschen Ozeanographen Otto Jessen. Das Mittelmeer, so Jessen, ist ein stetig dampfendes Verdunstungsmeer, das nur deshalb nicht austrocknet, weil vom Atlantik beständig Wasser nachfließt, in jeder Sekunde die gewaltige Menge von 88 000 Kubikmetern, das zwölffache Volumen der Niagarafälle. Eine westöstliche Strömung, verbunden mit einem kaum merklichen Gefälle, besorgt den Abfluß der Wassermassen hin zum Verdunstungsschwerpunkt im östlichen Mittelmeer.