Dies ist eine Geschichte, wie Bonn sie schreibt. Es geht um einen Familienstreit, der sich seit nahezu einem Jahr hinter den Kulissen der Universität abspielt. Am Seminar für Politische Wissenschaft ist der Lehrstuhl des emeritierten Professors Hans-Adolf Jacobsen zu besetzen. Wie immer der Fakultätsrat entscheidet (das Ergebnis stand bei Redaktionsschluß noch nicht fest), allein die Vorgeschichte ist bemerkenswert.

Um die Nachfolge hatten sich insgesamt 23 Interessenten bemüht. Schon dabei fiel auf, wie wenige kritische Köpfe auf der Liste standen. Aber gut, "die Bonner Uni hat eben ihren Ruf als konservativ weg", seufzt einer, der dazugehört, "andere melden sich gar nicht mehr".

Auf der Dreierliste, die seit einem Jahr debattiert wird, standen: Karl Kaiser (Köln), Werner Weidenfeld (Mainz) und Dieter Mahncke (Bonn). In immer neuen Anläufen entschied sich die Berufungskommission für Kaiser, der auch von Hans Peter Schwarz, dem Direktor des Seminars, unterstützt wird, der Fakultätsrat lehnte immer ab.

Alle drei, Kaiser, Weidenfeld und Mahncke, sind Hochschullehrer, aber sie haben auch etwas mit Bonn zu schaffen. Kaiser ist Forschungsdirektor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Werner Weidenfeld ist Koordinator für die deutsch-amerikanischen Beziehungen mit einem Stab im Auswärtigen Amt. Dieter Mahncke leitet stellvertretend den Planungsstab auf der Hardthöhe. Kaiser gehört der SPD an, Weidenfeld wie Mahncke der CDU.

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Daß der Sozialdemokrat Kaiser so nachdrücklich über alle Rückschläge hinweg von seinem Kollegen aus früheren Kölner Tagen Schwarz unterstützt wird, betrachten die Widersacher Kaisers als Beleg für ihre Meinung: Schwarz, argumentieren sie, habe einen Ruf als Adenauerforscher, aber eben auch als hochkonservativer Lehrer, dem die Regierung – zuletzt im Golfkrieg – zu lasch ist. Und Kaiser steht in ihren Augen "auch nicht gerade für Fortschritt und Pluralismus". Gegen ihn waren allerdings auch andere, die ideologisch eher in der Nähe von Schwarz siedeln.

Auf studentischer Seite, heißt es, unterstützt niemand Kaiser. Das wiederum hängt vor allem damit zusammen, daß die rund 2000 Politologie-Studenten sich dringend jemanden wünschen, der sich voll und ganz den Studenten widmen könne. Ihnen nütze niemand, schimpft einer, "der vage verspricht, Henry Kissinger als Gast zu einem Seminarvortrag zu holen". Kaiser, der internationales Prestige genießt, ist nun aber einmal mit der Auswärtigen Gesellschaft verbandelt und viel in der Luft.