Von Marlies Menge

Ein Leben lang hat man ihnen eingebleut, daß Arbeit den Wert des Menschen ausmacht. Und ihre Arbeitskraft war begehrt. Sie waren selbstbewußt und eigenwillig, weil sie sicher waren, für sich selbst sorgen zu können, immer eine Arbeit zu finden, sei sie auch noch so ungeliebt. Nun aber sind viele Frauen, auch die, die sich bei der Wende engagiert haben, einfach fertig.

Beate Liedtke, Mutter von zwei Töchtern, eine von 340 000 alleinerziehenden Frauen in Ostdeutschland, jobbt bei der Post, sie sortiert Pakete für 5,50 Mark die Stunde. Für die Töchter bekommt sie eine Halbwaisenrente. An eine feste Stelle ist nicht zu denken. „Blauäugig wie ich bin, habe ich gedacht, ich bin vielseitig einsetzbar – irgendeine Tätigkeit wird sich schon finden.“ Immerhin hat sie Finanzkaufmann gelernt, fünfzehn Jahre an der Pädagogischen Hochschule gearbeitet. 1988 hat sie dort aufgehört, zu Hause Kinderkleidung genäht und auf Märkten in Potsdam und Umgebung verkauft. Nach der Wende war es damit vorbei. Die 465 Mark monatlich, die ihr das Arbeitsamt als Arbeitslosenunterstützung in Aussicht gestellt hat, hat sie nicht beantragt. „Da darf man nur dreißig Mark in der Woche dazuverdienen – das ist doch der Witz der Woche!“ Sie sagt, mehr als unter ihrer Arbeitslosigkeit leide sie darunter, daß Menschen sich so verändern, daß nur noch Geld zählt.

Wir sitzen im kleinen Zimmer ihrer Eineinhalbzimmerwohnung in Potsdam, die (noch) 35 Mark Miete kostet. Der Blick geht hinüber auf den Park Sanssouci. Beate Liedtke nennt sich das schwarze Schaf der Familie. Der Vater war bei der Kripo, später ein hohes Tier im Strafvollzug. Sie ist im Zehnzimmerhaus mit Hausangestellten aufgewachsen. Früh hat sie sich vom Elternhaus distanziert. „Ich bin kein bequemer Zeitgenosse gewesen, und ich will mich auch jetzt nicht des Geldes wegen anpassen.“ Sicher, sie trauere ein bißchen den drei Jahren selbständigen Arbeitens zu Hause nach, aber eine Boutique mit eigenen Sachen aufmachen, nein, das wolle sie nicht. Angelika Thiel, die Potsdamer Gleichstellungsbeauftragte und SPD-Stadtverordnete, hat ihr eine Umschulung auf dem Bürosektor vorgeschlagen, vom Arbeitsamt finanziert. Das Problem ist, daß niemand weiß, was für Berufe künftig in der Region gebraucht werden. Frau Liedtke würde auch gern in die Sozialarbeit gehen. „Ich würde alles machen.“

Die Situation kommt mir ausweglos vor. Sie deprimiert mich. Wenn überall Arbeit fehlt, warum soll dann ein Firmenchef ausgerechnet alleinstehende Frauen mit Kindern einstellen, warum Frauen über fünfzig? Wenn LPGs in Konkurs gehen, wer sehen sich da noch um arbeitslose Landfrauen? „Die Leiter sind meist Männer“, bestätigt Angelika Thiel, „Die ‚Männerbünde‘, wie wir es nennen, funktionieren. Männer behalten eher Männer als Frauen.“ Dabei unterstellt sie ihnen nicht mal böse Absichten. Früher war wenig Arbeit auf viele verteilt. Heute ist es umgekehrt. „Das glauben Männer besser schaffen zu können als Frauen. Immerhin kriegen sie keine Kinder und kümmern sich immer noch weniger um deren Aufzucht.“ Die Frage vom Arbeitsamt nach Kindern ist zwar ebenso unzulässig wie die nach Schwangerschaft, „aber die meisten Frauen wissen das nicht, sagen, sie haben drei Kinder, sagen womöglich noch, daß sie alleinerziehend sind. Dann ist die Sache gelaufen.“

In Potsdam ging bisher kein Kindergartenplatz verloren, und die Kosten sind auch immer noch sozial verträglich, Frau Thiel fürchtet aber, daß arbeitslose Frauen trotzdem ihre Kinder, um zu sparen, aus dem Kindergarten nehmen. „Es ist ihnen nicht klar, daß sie damit zumindest als Verheiratete von einem Tag zum andern Hausfrau sind, ihren Anspruch auf Arbeit beziehungsweise Arbeitslosenunterstützung aufgeben, und die Kindergärten geschlossen werden können.“ Sie hält die Integration in den Kindergarten besonders für Kinder von arbeitslosen Frauen für sehr wichtig: „Kinder spüren die Existenzangst der Mütter.“

Aus dem Kindergartenalter sind Beate Liedtkes Kinder heraus. Sie haben inzwischen andere Sorgen. Die eine darf trotz guter Zensuren nicht aufs Gymnasium, weil ihr, wegen des unterschiedlichen DDR-Schulsystems, zwei Oberstufenjahre fehlen. Die andere findet keine Lehrstelle im Hotelgewerbe. Insgesamt haben nur zehn Prozent der ostdeutschen Mädchen eine Lehrstelle, aber fünfzig Prozent der Jungen. Beate Liedtkes Töchter werden außerdem nicht damit fertig, daß dieselben Lehrer ihnen jetzt genau das Gegenteil von dem erzählen, was sie ihnen vor der Wende gesagt haben. „Nicht daß sie alle auf die Straße geschickt werden sollen, aber sie müßten den Kindern doch erklären, warum sie früher so und jetzt ganz anders reden.“