Streit-Thema Nr. 2: Blauhelme oder Kampftruppen – eine unnötige Alternative

Von Christoph Bertram

Unter normalen Umständen müßte man sich jetzt kräftig die Augen reiben. Da verkündet der Verteidigungsminister die Auflösung von 213 Militärstützpunkten, schießt die Zahl der Wehrdienstverweigerer auf Rekordhöhe, müht sich die Nato um eine Antwort auf die strategische Revolution im Ost-West-Verhältnis – aber deutsche Politiker haben nichts Wichtigeres zu tun, als über das Ob und Wie deutscher Militäreinsätze in künftigen Krisen der Dritten Welt zu streiten.

Nun ist Deutschlands Normalität nicht die anderer Staaten. Ein Land, das in der Welt so viele Scherbenhaufen angerichtet hat, kann nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, nachdem es seine Souveränität wiedererlangt hat. Ob es seine Soldaten an fernen Konfliktherden einsetzen soll, ist eine Prinzipienfrage.

Dennoch täte den Deutschen auch in dieser Prinzipienfrage Gelassenheit gut. Denn deutsche Verantwortung in Europa und in der Welt reduziert sich nicht auf die Entsendung von Truppen. Und ohne Klarheit über Umfang und Struktur der künftigen Bundeswehr, ohne Konsens über Funktion und Organisation der westlichen Verteidigung läßt sich die Frage kaum beantworten, ob deutsche Soldaten in den olivfarbenen Helmen der Bundeswehr oder auch nur den blauen der Vereinten Nationen irgendwann jenseits der Nato-Grenzen etwas zu suchen haben.

Bürgerkriege und Stammesfehden

Der Golfkrieg, der von jenen zur Rechtfertigung herangezogen wird, die auf den baldigen Abschied von bundesrepublikanischer Militärabstinenz jenseits des Nato-Gebietes drängen, birgt dafür kaum brauchbare Lehren. Als Muster für andere Konflikte an der Peripherie des Westens ist er ungeeignet.