Streit-Thema Nr. 1: Bonn oder Berlin – die Entscheidung vertagen

Von Robert Leicht

Auch Zyniker können irren. Nach einem halben Jahr der Diskussion interessiere die Hauptstadtfrage niemanden mehr, so meinte einer von ihnen neulich; also gewinne Berlin. In Wirklichkeit aber verschärft sich die Auseinandersetzung von Tag zu Tag.

Bonn oder Berlin – zunächst nahm sich das aus wie eine Alternative, über die man zwar entscheiden, nicht aber besonders gründlich nachdenken muß. Wie schon so oft im deutsch-deutschen Einigungsprozeß stellt sich nun aber auch in der Hauptstadtfrage heraus, daß all die scheinbar rein sachlichen Probleme einen komplizierten politischen und sozialpsychologischen Hintergrund haben. Und nicht nur den Landsleuten im Osten macht er zu schaffen. Auch die robusten Westdeutschen haben, irgendwo, ein empfindliches Gemüt. Jedenfalls droht die Hauptstadt-Alternative die Nation zu spalten.

Die Polarisierung der Meinungen wird immer deutlicher, je näher der 20. Juni rückt, der Tag, an dem – nach bisheriger Planung – der Bundestag sich entscheiden soll. Im Westen wächst die Zahl der Bonn-Anhänger – von 55 Prozent im April auf 61 Prozent im Mai; nur 35 Prozent der "Wessis" sind noch für Berlin. Im Osten aber möchten 72 Prozent Berlin als Regierungssitz (im April waren es noch 70 Prozent), nur 26 Prozent neigen zu Bonn. Ansonsten geht der Riß durch alle Lager und Parteien. Die Stimmung wird gereizt. Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen droht gar einen Krach von historischen Ausmaßen für den Fall an, daß es bei Bonn bleibt; im übrigen dürften – welch subtiles Argument! – Hitler und Honecker nicht das letzte Wort behalten.

Weshalb dieser Streit um den Regierungssitz den anderen Nationen ziemlich unverständlich ist? Er erklärt sich letztlich aus der Tatsache, daß uns Deutschen der Nationalstaat immer noch nicht in gleicher Weise selbstverständlich ist und sein kann. Erst vor 120 Jahren ist er aus zwei Kriegen entstanden; seither wurde er in zwei Weltkriegen besiegt; nach dem nationalsozialistischen Eroberungs- und Vernichtungskrieg blieb er 45 Jahre lang gespalten: Kaum mehr als die Hälfte seiner Dauer existierte der deutsche Nationalstaat ohne Krieg und Teilung. Was Wunder also, daß bei manch einem das Glück über die Befreiung der Ostdeutschen die Erinnerung an die Vergangenheit nicht gänzlich überstrahlen kann.

Merkwürdige Frontverwirrungen