Berlin-Ost

Die alte Frau unter der Trockenhaube aus der Nachkriegszeit lächelt höflich, als ein Reporter nach ihrer Schätzung fragt: Was wird die neue Zeitung kosten, was glauben Sie?

Eine Mark? Nein! Siebzig Pfennig? Nein! Fünfzig Pfennig? Nein, triumphiert die Stimme des unsichtbaren Mannes in der Fernsehwerbung, dreißig! Nur dreißig Pfennig! Na, da sehen Sie mal!

Die Frau schüttelt ungläubig und irgendwie froh ihre Lockenwickler. Ist das nicht toll? Ist das nicht super? strahlt der Meinungsfänger abschließend aus dem Off.

Und so heißt denn auch das neue Blatt, das anderntags eine ähnliche alte Frau mir gegenüber in der S-Bahn aufschlägt: Super-Zeitung! Große Buchstaben auf der Titelseite verkünden der Welt: „Mielkes Frau – dreimal geliftet!“ Diese Nachricht ist also dreißig Pfennig wert. Die Empfehlung der Zeitung ist ihr Preis, die Suggestion der Gelegenheit, der Kostenpunkt als ausschließliche Argumente der Werbung.

Wieder eine billige Zeitung mehr. Neben mir liest ein Mann aus der Super-Illu seinem Kollegen eine Überschrift laut vor: „Ich muß immer beim Orgasmus weinen – bin ich pervers?“ Der Kollege guckt nachdenklich und tauscht das Blatt gegen seine Bild, die nun meinen Nachbarn über die Details eines Sexualverbrechens unterrichtet.

Die Wundertüte freie Marktwirtschaft schüttet über dem Osten die Billigvarianten der Lebenskultur aus. Sie verändern dort Maßstäbe, Selbstbewußtsein und Identität durch massenhafte Anpassung an einen Standard, der im Osten mangels Money nur in der reduzierten, groben Version gepflegt werden kann.