Von Joachim Walther

Wildwasser liegt hinter uns, vor uns ein Wasserfall, und wir in einem Boot im Fluß. Das Vergangene ist nicht vergangen, und die Zukunft ist uns nicht gewiß. Ich habe zunehmend das unangenehme Gefühl, daß das Vergangene nach seiner Niederlage doch noch einen Sieg erringt, indem es uns beschäftigt und unsere Kräfte bindet. Publizistik statt Prosa, Polemik statt Poesie, Pamphlete statt Bücher. Das ermüdet, unsere Leser wie uns selbst, auch ist es wenig amüsant, und doch scheint es notwendig. Notwendig, da dieser unierte Verband keine Zukunft haben wird, stellt er sich in der Gegenwart nicht den Fragen der Vergangenheit.

Deshalb noch einmal, jedoch kurz, zu diesem Brief an dreiundzwanzig ehemalige DDR-Autoren, der den Staub aufgewirbelt hat, den mancher, wie üblich, gern unter den Teppich gekehrt hätte.

Ich fand und ich finde, der Brief ist äußerst moderat formuliert. Er bedeutet nicht, wie wider besseres Wissen behauptet, die Verweigerung der Aufnahme (was dem VS-Bundesvorstand gar nicht möglich ist), sondern ist lediglich ein moralischer Appell zur Selbstbefragung. Was die dreiundzwanzig Adressaten betrifft, so wird die Zeit zeigen, daß möglicherweise einige, die ihn erhielten, in Zukunft freundlichere Post erwarten dürfen, sie wird aber auch zeigen, daß ihn einige rechtmäßige, bislang unbekannte Empfänger noch gar nicht erhalten haben.

Auch die Reaktionen zeigen, daß der Brief ein Problem benannt hat, das uns bleibt. Die Steigerung von „Blauer Brief“ hieß „Schwarze Liste“, doch damit nicht genug, im Neuen Deutschland schrieb man von Ausgrenzung, Berufsverbot, von Kungeln im Dunkeln, von Gesinnungsschnüffelei, und schließlich, Gipfel der makabren Maßlosigkeit, wurde eine Parallele zur Judenverfolgung gezogen. Das ist so töricht wie geschmacklos, doch hat es Methode, wenn sich auch der PDS-Vize Brie zu Wort meldet und schreibt, daß dieser Brief „letztlich eine Fortsetzung jener Kulturpolitik darstelle, wie sie auch von SED- und DDR-Schriftstellerverbandsführung praktiziert wurde – lediglich mit entgegengesetztem Vorzeichen“.

Also nicht nur Parallelen, sondern Analogien, ja schlimmer noch, wie eine Leserstimme tönte, denn der DDR-Schriftstellerverband habe seinerzeit „nur neun Kollegen aus der Mitgliedschaft entlassen, der VS aber schicke gleich dreiundzwanzig Autoren ins Abseits“. Dabei weiß man sehr gut, daß es der SED-dominierte DDR-Schriftstellerverband vermochte und praktizierte, literarische Existenzen zu befördern oder zu behindern, eine Macht, die der VS nie hatte und klugerweise niemals haben will.

Ich plädiere dafür, der Geschäftsordnung des VS eine Präambel voranzustellen, in der ethische Grundwerte der Literatur und der Literaten benannt werden, die dann, im Fall der Negierung, eine Unvereinbarkeit der Mitgliedschaft impliziert. Die deutsche Sprache hält das Aktiv und das Passiv bereit, unterscheidet beispielsweise, ob jemand denunziert hat oder denunziert wurde, und wir, gerade wir, sollten nicht unterhalb der Ausdrucksmöglichkeiten unserer Sprache bleiben. Das Problem bleibt uns nicht nur, es wird sich in nächster Zeit verschärfen, und wir werden es nicht bewältigen, indem wir den Schmerz vermeiden wollen.