Bundeskanzler Helmut Kohl hat schnell entschieden: Helmut Franz Schlesinger, Jahrgang 1924, soll neuer Präsident der Bundesbank werden. Zu verdanken hat er diesen Aufstieg Karl Otto Pöhl, der vorzeitig zurücktritt und damit den Weg für seinen Vize freimacht.

Schon heute steht fest, daß Schlesinger wegen seines Alters bereits in zwei Jahren wieder abgelöst wird, wahrscheinlich von seinem künftigen Stellvertreter, dem Direktoriumsmitglied und früheren Staatssekretär Hans Tietmeyer. Dennoch ist er mehr als bloß eine Übergangslösung. Während seiner kurzen Amtszeit stehen wichtige Entscheidungen für die künftige Geld- und Währungspolitik an. Unter anderem gilt es, die Europäische Währungsunion voranzubringen und die Bundesbank neu zu strukturieren. Vor allem aber muß der neue Mann an der Spitze die deutsche Währung wieder ins Lot bringen. Die einst so bewundernswert starke Mark droht in jüngster Zeit schwach zu werden.

Mit rund drei Prozent hält sich die Inflationsrate zwar noch in Grenzen. Doch der Trend zeigt nach oben. Und das in einer Zeit, wo in fast allen anderen Industrieländern die Inflation zurückgeht. Das schwächt die Mark im internationalen Währungsgefüge. Die hohen Wertverluste gegenüber dem Dollar sind der augenfälligste Beweis dafür. Diese Abwertung verstärkt den Inflationsdruck zusätzlich, denn mit jedem Pfennig, den der Dollar gegenüber der Mark teurer wird, steigen die Kosten für Erdöl und andere Importwaren.

Um dem Teufelskreis aus Inflation und Währungsschwäche zu entkommen, wird die Bundesbank auch unter der neuen Führung ihre straffe Geldpolitik fortsetzen, sie unter Umständen sogar verschärfen. Helmut Schlesinger hat nie einen Zweifel daran gelassen, daß ihm die Sicherung des Geldwertes über alles geht. Erreichen will er sein Ziel über die Steuerung der Geldmenge. Je weniger Geld im Umlauf ist, so das kleine Einmaleins der Bundesbank, um so geringer ist auch die Gefahr einer Inflation.

Um das Wachstum der Geldmenge zu bremsen, hält die Bundesbank die Zinsen am Geldmarkt, wo sich Banken mit Liquidität eindecken, relativ hoch. Im Mai fielen die Zinsen zwar ein wenig. Doch dieser Trend dürfte kippen, sowie die erhöhten Steuern, Sozialabgaben und Löhne sich auf die Preise auszuwirken beginnen: Voraussichtlich wird die Bundesbank schnell versuchen, steigenden Preisen durch höhere Zinsen entgegenzuwirken. Und auch einen weiteren Anstieg des Dollarkurses kann die Bundesbank nicht tatenlos hinnehmen.

Die Probleme, die jetzt die Bundesbank mit ihrer straffen Geldpolitik ausbügeln muß, gehen auf den schnellen Anschluß der ehemaligen DDR an die Bundesrepublik zurück. Um den Osten lebensfähig zu halten, müssen im Westen gigantische Summen aufgebracht werden. Experten schätzen die Transferleistungen allein in diesem Jahr alles in allem auf eine Summe von 140 bis 150 Milliarden Mark. Ein großer Teil dieser Mittel fließt in den Konsumsektor und bedroht auf diese Weise die Stabilität der Mark.

Daß die Finanzierung der Einheit sich bisher noch recht wenig auf die Inflationsrate ausgewirkt hat, liegt vor allem daran, daß Deutschland auf ein ergiebiges Kapitalreservoir zurückgreifen konnte: auf den größten Leistungsbilanzüberschuß der Welt. Doch diese Reserve ist aufgebraucht, die Leistungsbilanz ist ins Minus gerutscht. Jetzt muß die Bundesbank sich mit den Konsequenzen einer verfehlten Wirtschafts- und Finanzpolitik herumschlagen. Helmut Schlesinger und seine Kollegen im Zentralbankrat stehen vor der Aufgabe, einerseits die Finanzierung des Aufbaus im Osten zu ermöglichen, andererseits aber die Inflationsgefahr zu bannen. Deshalb werden sie nicht den bequemsten Weg gehen und einfach mehr Banknoten drucken. Vielmehr werden sie versuchen, Sparer und Anleger aus dem In- und Ausland zu animieren, das erforderliche Geld bereitzustellen. Doch das geht nur, wenn die Zinsen attraktiv und die Preise stabil sind.

Mit Schlesinger, der den Ruf eines beinharten Stabilitätsapostels genießt, werden die Zinsen hoch bleiben. Hohe Zinsen und niedrige Inflationsraten haben jedoch nicht nur den positiven Effekt, daß sie Anleger nach Deutschland locken. Sie machen auch all jenen das Leben schwer, die kein Geld besitzen, aber welches brauchen – von Finanzminister Theo Waigel bis zum Autokäufer. Sie bremsen die Konjunktur und sorgen für eine Verschärfung der sozialen Probleme, besonders in den neuen Bundesländern.

Die harte Geldpolitik hat zur Folge, daß ersehnte Investitionen wegen hoher Kreditkosten zurückgestellt werden und die Arbeitslosigkeit weiter zunimmt. Der Aufschwung im Gebiet der ehemaligen DDR rückt damit noch weiter in die Ferne. Das Schlimmste stehe sogar noch bevor, hat der scheidende Bundesbankpräsident Pöhl in der vergangenen Woche vor Schweizer Unternehmern vorausgesagt. Er wolle zwar nicht die Kassandra spielen, doch meine er, daß mit der derzeitigen – unfrisierten – Arbeitslosenquote von dreißig bis vierzig Prozent in den neuen Bundesländern noch nicht der Höhepunkt erreicht sei. Pöhl rechnet vielmehr mit einer Entlassungswelle, die selbst die Weltwirtschaftskrise in den Schatten stellt.

Eine solche Entwicklung kann dazu führen, daß der Präsident der Bundesbank zum Prügelknaben der Nation wird – selbst wenn die Geldpolitiker gar nicht die wahren Schuldigen an dem "Desaster" (Pöhl) sind. Möglicherweise wußte Karl Otto Pohl deshalb genau, weshalb er sich gerade jetzt zurückzieht. Der wahre Künstler tritt ab, solange das Publikum noch applaudiert. Udo Perina