Von Harry Maier

Mit der Vereinigung Deutschlands glaubten die meisten Wissenschaftler in der DDR, daß sie sich rasch in eine gesamtdeutsche Forschungslandschaft integrieren und endlich frei von Bevormundungen voll entfalten könnten. Diese optimistische Annahme wurde auch von der internationalen Forschergemeinschaft geteilt. Manche Amerikaner und Japaner befürchteten sogar, daß sich Deutschland zu einer wissenschaftlichen Supermacht mausern und künftig ihre Vormachtstellung auf den Gebieten der Kommunikations- und Informationstechnik, der Biotechnologie und neuen Werkstoffe bedrohen könnte.

Diese Kassandra-Rufer überschätzten den Pragmatismus der Deutschen und unterschätzten unseren Hang zu Pedanterie und Besserwisserei. Anstatt gemeinsam mit den Wissenschaftlern in den neuen Bundesländern zügig das vorhandene Forschungspotential von den Deformationen der SED-Herrschaft zu befreien, wurde eine Begutachtungsmaschinerie unter der Leitung des Wissenschaftsrats in Gang gesetzt, die seit Monaten die gewiß nicht verwöhnten DDR-Forscher in Furcht und Schrecken versetzt. Statt leistungsfähige Institute neu zu formieren und so Zuversicht und Aufbruchstimmung zu verbreiten (die nichterhaltenswerten waren nicht allzu schwer auszumachen), wurde praktisch die gesamte Forschung lahmgelegt. Wie hypnotisierte Kaninchen warten Tausende auf die Evaluierung ihrer Arbeit durch Kommissionen des Wissenschaftsrats. Über diese hört man in den neuen Bundesländern nur das eine: "Wir wissen nicht, was der Rat der Götter mit uns vorhat."

Ohne Zweifel ist der Wissenschaftsrat mit der (ihm im Einigungsvertrag übertragenen) Begutachtung völlig überfordert. Bis Ende dieses Jahres soll er die Erhaltungswürdigkeit von rund zweihundert Einrichtungen prüfen, in denen 46 000 Forscher tätig sind, ein in der europäischen Wissenschaftsgeschichte einmaliges Vorhaben. Selbst mit bestem Willen ist diese Aufgabe kaum zu bewältigen.

Um seine Informationsbasis zu verbessern, erbat der Wissenschaftsrat von vier renommierten Forschungsgruppen Gutachten über das Leistungsniveau der Forschung in der DDR. Die für manche überraschenden Ergebnisse wurden Ende April in der ehrwürdigen Deutschen Akademie der Naturwissenschaften Leopoldina (Halle) vorgestellt.

Ein von Professor Rudolf Fisch (Universität Konstanz) vorbereitetes Symposium sollte nach westlichen Kriterien das Niveau der DDR-Forschung beurteilen, etwa nach ihrem Anteil am weltweiten Publikationsaufkommen in führenden Fachzeitschriften. Oder die Wahrnehmung dieser Publikationen (Zitathäufigkeit) beziehungsweise die Anzahl der angemeldeten und erteilten DDR-Patente. Obwohl eine Analyse mit solch groben Kriterien als sehr problematisch erschien, waren die eng beieinandersitzenden Gutachter und Begutachteten über die Ergebnisse erstaunt. Denn es ergab sich ein durchaus positives Bild von der Leistungsfähigkeit der DDR-Forscher. Trotz der Publikationshemmnisse für Ost-Wissenschaftler in westlichen Fachzeitschriften weist die Datenbank Science Citation Index, die ja vor allem westliche Publikationsorgane erfaßt, für den Zeitraum 1974 bis 1990 nur doppelt so viele Publikationen aus pro BRD-Forscher im Vergleich zu jenen aus der DDR.

Hierbei ist zu berücksichtigen, daß die Ausgaben pro Forscher in Westdeutschland auch doppelt so hoch waren wie im Osten. Erstaunlich ist ferner die Beachtung der Veröffentlichungen aus der DDR. Trotz der oft miserablen Arbeitsbedingungen im SED-Staat wurden die westdeutschen Publikationen nur doppelt so oft zitiert wie jene ihrer ostdeutschen Kollegen.