Von Birgitta Ashoff

Als Ihnen der höchste englische Literaturpreis, der Booker-Prize, zugesprochen wurde, haben Sie das Preisgeld mit einer entschiedenen Geste an die Black Panthers weitergegeben. Nun soll Ihnen der Petrarca-Preis verliehen werden, finanziert von Hubert Burda, einem Verleger, dessen politische Richtung nicht gerade die Ihre ist. Gibt es da Irritationen?

JOHN BERGER: Ich weiß einfach nicht genug über die Hintergründe, und man darf in diesen Angelegenheiten nicht generalisieren. Ich kenne Herrn Burda nicht persönlich. Ich müßte wissen, welche Art von Pressepolitik er in Deutschland betreibt. Als ich die Nachricht von diesem Preis erhielt, schaute ich auf die Liste der vorausgegangenen Preisträger und war eigentlich stolz, mich in ihrer Gesellschaft zu befinden.

Die Geschichte mit dem Booker-Prize ist einfach erzählt. Das Preisgeld dieser Stiftung wird immer noch von einer Firma mit dem Namen Booker McConnell aufgebracht, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in den Ländern der Karibik, in Westindien und in einigen Teilen Lateinamerikas Handel treiben und deren Ausbeutung von Kolonialarbeitern – das reichte bis zur Sklavenhaltung – außerordentlich verwerflich war. Daher fiel es mir einigermaßen schwer, dieses Geld anzunehmen. Bevor ich einen Entschluß faßte, hatte ich mit ein paar Freunden über meine Bedenken geredet, und einige sagten: „Wenn das deine Einstellung ist, dann mußt du den Preis ganz und gar ablehnen.“ Das waren radikale Moralisten. Ihre Begründungen erschienen mir zu abstrakt, in einem anderen Zusammenhang sogar gefährlich. Und so entschloß ich mich, den Preis zwar anzunehmen, doch das Geld mit den Nachkommen derer zu teilen, die in den Zuckerplantagen gearbeitet hatten, aus denen das Geld stammte. Es sollte denjenigen zufließen, die in unseren Tagen gegen soziale Ungerechtigkeit kämpften, und das waren damals die Black Panthers in der Karibik. Es war übrigens gar nicht so leicht, sie von meinen guten Absichten zu überzeugen. Doch nachdem wir eine Zeitlang miteinander geredet hatten, kam einer von ihnen sogar zur Preisverleihung, um mir moralisch die Hand zu halten.

Muß ein Schriftsteller nicht mit jedem Preis, der ihm zugesprochen wird, zwangsläufig in einen Konflikt geraten?

BERGER: In jeder Preisverleihung steckt das Moment des Irrtums. Kein Preis kann ein endgültiges Urteil aussprechen. Die Wahl des Preisträgers ist stets auch vom Glück bestimmt. Man kann in furchtbares Grübeln geraten, wenn man erst einmal beginnt, über diese Vorgänge nachzudenken. Es ist einfach sehr wichtig, einen Preis nicht als eine Bewertung zu verstehen. Andererseits freut man sich über einen Preis, der einen in eine Reihe Gleichgesinnter stellt, weil darin auch eine Ermutigung liegt. So eigentümlich es klingen mag, selbst wenn man mein Alter erreicht hat, nehmen ja die Selbstzweifel nicht ab. Erstaunlicherweise muß man immer noch eine starke Form des Selbstvertrauens finden, um sich in diesem einsamen Geschäft behaupten zu können, das Schreiben genannt wird. In diesem Zusammenhang wirkt ein Preis wie ein kleiner Energieverstärker. Vielleicht nicht der kostbarste Energieverstärker, es gibt intimere, persönliche Ermutigungen. Trotzdem gibt es Zeiten, in denen jede Unterstützung gerade recht kommt. Der andere Vorteil einer solchen Auszeichnung liegt natürlich darin, daß durch die plötzliche Beachtung der Medien bisweilen auf eine wundersame Art die Zahl der Leser steigt. Auch hier liegt ein Zuspruch, denn wenn man schreibt, dann schreibt man, um gelesen zu werden. Und man glaubt, zu Recht oder zu Unrecht, einem Bedürfnis der Leser nachzukommen. Und wenn als Ergebnis eines Preises mehr Menschen lesen, was man veröffentlicht hat, so liegt auch darin eine Bestätigung.

Preise sind meist mit einer mehr oder minder großen Geldsumme ausgestattet. Würden Sie sich wohler fühlen, wenn sie nicht mit Geld verbunden wären?