Alles bääh!

Von Helmut Schödel

Als es mit den Protestsongs vorbei war, die Lehrstücke nicht mehr funktionierten und die Aphorismen ihr Dasein als Kalendersprüche fristeten; als die Groteske nicht mehr übertrieb, das Kabarett als "Lach- und Schießgesellschaft" sein Pulver verschossen hatte und ein Volk von Manta-Fahrern über Kohl-Witze lachte, stieg der Passauer Kabarettist Siggi Zimmerschied vom Brettl, tätschelte die Köpfe seiner Zuschauer, lächelte betäubt, schnitt uns eine Biertrinker-Fratze und sprach mit schwerer Zunge: "Mir san doch alle a bissl gleich."

In Zimmerschieds Programm "Ausschwitzn – eine deutsche Tugend" versank das Kabarett schön langsam im Sumpf einer stinkgemütlichen Republik, in der einer dem anderen in unbekümmerter Komplizenschaft den Schwarzen Peter wie einen Wanderpokal weiterreicht. Zimmerschieds ungebärdiger, halb tierischer Auftritt als niederbayerische Rauschkugel, diese Proklamation der Bundesrepublik Passau, ließ uns ahnen, daß es noch etwas gibt, das uns alle so gleich sein läßt. Es ist diese gemeinsame Herkunft, diese unübersehbare Erbschaft, dieser haarige Verwandte: der Aff’.

Eineinhalb Jahre später. Auf dem Brettl steht Zimmerschieds junger Kollege, der Niederösterreicher Josef Hader, und schneidet uns nach dem Motto "Mir san olle Massenmörder" ein Gesicht. Aus dem Mundwinkel hängt die Zunge heraus, der Blick ist stumpf, die ganze Gestalt schmierig. Drei Wörter gehören zu dieser Erscheinung: Bier, Brillantine und Blutbad.

Schon seit einer halben Stunde wartet Haders Publikum auf ein Kabarettprogramm oder wenigstens, wie es die Plakate versprechen, auf einen "Bunten Abend". Das weiß auch Hader, und es bringt ihn auf, versetzt ihn in Rage. Wie ein genervter Animateur versucht er für einen Moment, den Erwartungen zu entsprechen: "Geh, such ma uns holt e paar Feindbilder, irgendso a Sau, die heut net da is, wo ma einfach wissn: Der is schuld ... Oder so an Stammtischfaschisten, so a Prolosau. Mach ma a Nummer über den kleinen Mann." Aber statt der Nummer suchte sich Hader ein Opfer im Saal. Er blinzelt einem Mann zu: "Zwaa Burschn wie mir, hörst, brauch ma Pointen!?" Er pöbelt über alle Köpfe hinweg: "Vom Lachn kriagt ma Faltn, meine Damen!" Schließlich weist er die Erwartungen des Kabarettpublikums grob zurück: "Deppn, Schweine, olles gibt’s im Lebn, aber doch keine Pointen."

Hader packt sein Akkordeon aus und singt ein "Lied über die Leut, die nie ins Kabarett gehn", wie zum Beispiel die Karin: "Die Karin is im Bett / statt im Kabarett / und macht dort ganz wunderschöne Sachn. / Sie macht mitm Karl / aan klaan Karl. / So aan Karl kann i auch gar net machn."

Alles bääh!

Hader sitzt auf dem Boden wie ein fast dreißigjähriger Suppenkasper, im Arm eine Flasche Rum, und verhöhnt sein Gewerbe als selbstgerechtes "Witzerl fürs Demokraterl". Er kräht: "Olle Bolidiga – bäääh!" Und meint: Ihr da unten seid wie die Politiker: "bäääh!" Und ich hier oben bin wie ihr da unten: "bäääh!" Das ist kein Endspiel des Kabaretts mehr, sondern das Ende und der Beginn der Zeit danach.

"Hader" ist nicht nur ein anderes und ein altes Wort für Krach, Streit, Zwist. Der "Hader" ist grundsätzlicher, bitterer, blutiger und eigentlich kein Wort des bürgerlichen Lebens. Wenn einer hadert, dann gleich mit Gott und der ganzen Welt. Als Substantiv ist "Hadern" ein Synonym für "Lumpen", für einen "alten Fetzen". Haderbube! Lumpensack!

Josef Hader ist ein Bauernsohn aus Nöchling/Niederösterreich, erzogen im Bischöflichen Knabenseminar des Klosters Melk, Matura im Stiftsgymnasium. Den Hader der Melker Tage beschreibt er selbst als "Chorsänger, Mesner, Organist und Bettnässer". Ein Bauernbuben- und ein katholisches Schicksal.

In Wien hat Hader Germanistik und Geschichte studiert, trat er zuerst in der Fußgängerzone auf. Schließlich stieg er aufs Brettl. Vom Ministranten zum Kabarettisten: Siggi Zimmerschied, Bruno Jonas, Rudi Klaffenböck, Josef Hader. Im "Bunten Abend" sagt er: "Andere zerhaun Fensterscheiben, i zerhau mein Kabarettprogramm." Vom Salzburger "Stadtkino", wo Hader seinen "Bunten Abend" und den Kabarettisten als verkannten Entertainer zeigte, zurück im Hotel, das sich traditionsbewußt gibt und Festspielgästen als Luxusabsteige dient, kommt es zu einer unheimlichen Begegnung. Auf dem Weg in mein Zimmer im zweiten Stock treffe ich, inmitten von Marmor, Gold und Grünpflanzen, einen Schimpansen. Er hat einen Hut auf und begibt sich auf sein Zimmer, das auch im zweiten Stock liegt. Ein Schimpanse im "Österreichischen Hof"!

Wir sind nicht nur "a bissl gleich". Wir schlafen sogar schon im selben Hotel.

Im niederösterreichischen Hollabrunn tritt Hader im Stadtsaal auf, gleich neben der "Fachschule für Fleischer". Er zeigt sein Programm "Biagn oder Brechn". Der Saal ist atmosphärelos, so ein Ort, an dem man Politikerphrasen mit Hartlaubgewachsen und Blumengirlanden zudekoriert. Die Bühne wirkt riesig, und Hader bei den Lichtproben und dem Soundcheck eher verloren. Ein bißchen blutarm sieht er privat aus, komisch gebeugt und so, als folge ihm noch immer der Schatten des Zöglings, der er war.

Der Abend beginnt mit einer Melodie, die ein müdes Akkordeon endlos wiederholt. Am Schluß des Programms wird Hader einen Text dazu singen: "Und langsam werd ma, wia ma san und langsam werd ma, wia ma san ..." Staub. Das Programm kündigt sich als Refrain an, zu singen in der Stunde unseres Absterbens. Mit dem Ende des Kabaretts kommt der Tod aufs Brettl. Hader faucht ins Publikum: "There’s only one stress for me, only one stress: the death."

Alles bääh!

Hader spricht mit der Stimme eines Märchenonkels einen Text vom Band, vielleicht ein Meisterstück aus einer Sammlung, die "Haders schlechteste Parabeln" heißen könnte: "Es war einmal ein altes Würschtl, das war schon lange Zeit im Kühlschrank und wurde immer älter und schrumpeliger und bekam langsam Falten. Deshalb konnte man es auch in alle Richtungen verbiegen, ohne die Haut zu beschädigen. Schließlich wurde es doch noch in einen Kessel mit heißem Wasser geworfen, wurde wieder prall und straff und bog sich keinen Zentimeter mehr. So einfach haben es die alten Würschtl. Wohnen wir aber nicht alle in einem Kühlschrank? Werden wir nicht alle immer älter und schrumpeliger ...?"

Hader stürzt auf die Bühne: verschwitzt, kurzatmig, regelrecht am Ende. Er verspricht uns: "Gleich kommt der erste Witz!" Aber statt dessen kommt eine Krankengeschichte. Nach und nach erzählt er von einem totalen Zusammenbruch kurz vor der Vorstellung. Er sei umgefallen und etwa so dagelegen: Er spielt uns den Kollaps vor. "I greif nach die Tablettn, i bring die Hand nimmer aus der Taschn." Lähmungserscheinungen, Herzstechen. Er schreit, weint und jammert wie in Todesangst.

Unversorgt ließ man den Kabarettisten einfach liegen. "Eigentlich haben sie recht, die Leute", sagt er. Die denken: "Oder hilft mir aaner? Mir hilft doch aa kaaner." Und wie er so auf der Straße liegt, fällt ihm ein: "In fünf Minuten soll a Kabarett spieln. Is des wirklich wichtig? Betrifft mich des? Betrifft des Sie? Verstehn S’, des betrifft uns doch net. Gut lebn, lang schlafn, spät sterbn – des san Themen."

In "Biagn oder Brechn" greift der Tod nach dem Kabarettisten. Im "Bunten Abend" ist es der Wahn. Haders Alleinunterhalter ("I bin vollkommen fertig") hat, von seiner Alkoholabhängigkeit abgesehen, das furchtbare Problem, daß er ein Schwein ist. Zwar unterschreibt er für die Kurdenhilfe und für besetzte Häuser, kocht er in der Frauengruppe seiner Freundin Sojalaibchen. Aber dann ist er plötzlich wieder da, der Mr. Hyde, der ganz miese Typ. Noch beim Erzählen raubt ihm der Haß den Atem: "I nimm die Sojalaibchen und hau Sie dena in die Fressn!" Dann zieht es ihn weg vom Vegetarischen zum Würschtlstand: "auf a Burnhäutl" (eine Burenwurst). "Dann bin i zum Rapidmatch gangen, hob ma aane aufzwickt, so a richtige Rockerbraut, und war gar nicht zärtlich."

Wie mit den Sojalaibchen und der Rockerbraut verfährt dieser Alleinunterhalter auch mit seinem Publikum. Zwar sagt er: "I versteh gar net, daß i so auf Ihna losgeh, wo Sie doch meinetwegn dosan." Zwar sagt er: "Schau ma doch, daß ma im andern den Menschen sehn und net den Installateur oder den Frauenmörder." Aber das ist schon wieder ein Stichwort für ihn. Schon riecht er Blut, lacht aus ihm der Schlächter, ist das Schwein wieder da.

Haders Zweieinhalb-Stunden-Soli sind dramaturgisch raffiniert vorbereitete Zusammenstöße von Kollaps und Raserei: Auslöschungen. Schon mit dem ersten Auftritt beginnt die Selbstzerstörung des Abends. Immer wieder geht das Saallicht an, sagt Hader im Tonfall gestellten Bedauerns: "Das ganze Programm geht den Bach runter, kaaner kennt sich mehr aus." Oder: "Die entscheidende Frage is jetzt: Red i eigentlich noch mit Ihna oder nur mehr mit mir."

Nicht einmal mit der Pause klappt es mehr. Kaum ist Hader abgegangen, kommt er furienhaft zurück: "Das is interessant! Des holtn Sie für a Lösung: a Pause!" Und schon steigert er sich in die nächste Publikumsbeschimpfung, so grob, direkt und hart wie alle anderen zuvor: "I waas doch, wos Ihr Sympathie wert is! Wenn i glähmt bin, putzn Sie mir den Oasch aus?" Und schon ist das Programm wieder ganz nahe bei Krankheit und Tod. Hader im Ton eines Ausrufers: "Es gibt jetzt ja auch scheene Jugendstil-Krankenhäuser – mit mundblasene Brunzflaschn!"

Alles bääh!

Für Hader ist das Publikum eine Totengesellschaft und das Kabarett die allerletzte Darreichung. "Solang ma krank is, kommt der Arzt. Wenn es zu Ende geht, läßt man den Pfarrer rufen, und ganz zum Schluß erst wird der Kabarettist geholt, den Toten noch ein wenig aufzulockern."

Josef Haders Soli sind nicht nur eine (post)kabarettistische Sensation, sondern auch eine Passionsgeschichte. Das erste Opfer dieser Abende ist Hader selber. Der Kabarettist nagelt den Nihilisten in sich an ein Kreuz, mit dem er die ganze Welt ausstreichen will. Er ist mit seinen Figuren, ihren Zusammenbrüchen und ihren Haßtiraden, so nahe, daß man oft nicht mehr entscheiden kann, was Wahnsinn ist und was Methode (Dramaturgie oder Schauspielkunst). Bei Hader ist das Kabarett auch eine Selbstschußanlage.

Hader hat ein bürgerliches Verständnis von Kunst, vom eigenen "Werk" und gönnt sich "ganz wenig Selbstachtung". Sozial engagiert sei er nicht. "Des is mir net wichtig, wie’s mit der Gemeinschaft weitergeht", sagt Hader. "Der Zimmerschied", sagt er, "der ist wo dahaam. I tu olles, daß i des net bin."

Zusammen mit Alfred Dorfer zelebriert Hader ab und an ein Programm, das er "Freizeitmesse" nennt, eine radikale Nachbereitung seiner Ministrantenzeit. Dort werden auch erbauliche Geschichten vorgetragen, zum Beispiel diese: Ein Mann fährt über eine Landstraße. Im Auto läuft eine Musikkassette: Dr. Hook, "Silvia’s Mother". Dann fährt der Mann gegen einen Baum. Aber die Kassette spielt weiter "Silvia’s Mother" von Dr. Hook. "Und des zeigt doch irgendwia, daß es nach uns weitergeht."

Haders Gesicht entspannt sich allmählich wieder, wird weich und freundlich. Er ist durch die Hölle gegangen, jetzt scheint er am Ziel. Das Ende des Abends naht, der Schatten des Zöglings holt ihn wieder ein. Vor uns steht ein junger Mann, Jahrgang 1962, leise, erstaunt, gescheit. Er hat seine Wahrheit gesagt, hat jetzt die Kraft zur Lüge und zum Trost. Nach dem "Bunten Abend" setzt er sich an das Klavier, das jetzt in allen Farben leuchtet, und singt mit vor Seligkeit kratzender Stimme: "Irgendwann und irgendwie foll ma vor nix und vor neamd mehr auf d’ Knia."

Die Welt ist jetzt, wie sie sein soll. Schön. Vorbei.