Von Viola Roggenkamp

Der Fahrstuhl kommt. Endlich. Drei funktionieren, drei sind seit Wochen außer Betrieb. Wenn die Herren aus Hamburg nicht im zweiten Stock ihre Verlagsetage hätten, sondern im fünfzehnten, wäre das längst repariert. Die grauen Türen schieben sich zu beiden Seiten auseinander. Menschen drängen heraus. Menschen drängen hinein. Man mustert sich verstohlen. Niemand grüßt, und jeder spürt die Ellenbogen des andern. Die Türen schließen sich. Hier drinnen steigen sie alle gemeinsam auf und ab. Vierzehnter Stock: Zwei Frauen kommen dazu. "Du bist doch auch aus dem Westen, oder?" flüstert die eine. Die andere nickt. Es geht abwärts. Zweiter Stock: Ein Mann und eine Frau steigen aus. "Und dauernd kriegt man zu hören: Dies ist falsch, und das ist falsch. Na ja. Wer weiß, wann unsereins rausfliegt? Mach’s gut", sagt sie und eilt den Gang hinunter zum großen Konferenzraum.

Es ist elf Uhr. Zeit für die Ressortleiter-Konferenz der Berliner Zeitung, des Flaggschiffs des Berliner Verlags. Der Konferenzraum ist wieder einmal abgeschlossen. "Wo ist der Schlüssel?" Die Damen und Herren stehen und stauen sich im Halbdunkel des düsteren Korridors. Ein jeder trägt ein Exemplar der heutigen Ausgabe unterm Arm. Man wartet, man flüstert. Jetzt gehört der ehemals größte Zeitungs- und Zeitschriftenverlag der DDR mit seinen 1150 angestellten Frauen und Männern zu gleichen Teilen dem Hamburger Verlag Gruner + Jahr und dem britischen Verleger Robert Maxwell. Der hatte noch kurz vor der Wende, zum 40. Jahrestag der DDR, Erich Honecker das erste Exemplar der Enzyklopädie "Information GDR" überreicht, made by Maxwell. PDS-Vorsitzender Gregor Gysi wollte den Herren aus Hamburg den ehemaligen DDR-Verlag nicht allein überlassen und hatte sich bis zuletzt für diese "europäische Lösung" eingesetzt.

Alle anderen ehemaligen DDR-Blätter, bis zu kleinsten Regionalzeitungen, sind inzwischen von den drei, vier großen westdeutschen Verlagen geschluckt worden, sogar die traditionsreiche Leipziger Volkszeitung, in der einst Rosa Luxemburg als Redakteurin arbeitete. Sie gehört jetzt Springer. "Arme Rosa", flüstert eine Stimme im Halbdunkel des Flures. Jemand kichert.

Endlich wird der Schlüssel zum Konferenzzimmer gebracht. Alles drängt in die trockene Hitze des großen Raumes. "Dafür muß einfach Zeit bleiben", sagt gerade der Feuilletonchef, der heute morgen Blattkritik hat. Von 151 Mitarbeitern bei der Berliner Zeitung sind, auf den besseren Stühlen, 30 aus dem Westen. "Solche sprachlichen Patzer", fährt der Feuilletonchef in sanft sächselndem Ton fort, "dürfen auch in der Hektik des Tages ..." Ist es Zufall oder Absicht, daß seinem kritischen Auge nur die Formulierungsschwächen westlicher Kollegen aufgefallen sind? Vielleicht weder das eine noch das andere. Auf der Verlegeretage hatte jemand fallengelassen: "Unsere Leute aus dem Westen sind lernwilliger und motivierter. Aber die Ost-Leute sind einfach gebildeter. Bloß, mit ihren Diplomen dürfen die sich jetzt den Arsch abwischen."

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Sie sitzen um den quadratischen Konferenztisch, der fast den ganzen Raum ausfüllt. Mit dem Rücken zum Fenster die drei Stellvertretenden, darunter eine Frau. Die Stimmung ist flau, die Stimmen sind schwunglos. Jedes Ressort sagt an, was es morgen im Blatt haben wird. "Außenpolitik?" Christa Schaffmann, stellvertretende Chefredakteurin und unlängst noch Genossin, leitet heute die Konferenz. Sie ruft auf. Der Kollege hebt an, und zum erstenmal kommt so etwas wie Bewegung in den Raum. Russische Namen perlen ihm geläufig über die Lippen. Er redet von der "SU" und von Ministerpräsident Pawlow, "der jetzt vor Gorbatschow gesprochen hat, und zwar erst vor dem Obersten Sowjet und dann vorm ZK. Das war sonst umgekehrt. Sollten wir das nicht kommentieren?"