Mythos der Stärke

/ Von Esther Knorr-Anders

Das Wetter an diesem Tag war so trostlos wie das Thema, zu dessen Erörterung ich mich im Kinderschutz-Zentrum in Mainz einfand. Meine Gesprächspartner waren Monika Weber-Hornig und Wolf Sartorius. Erst zurückhaltend und dann aufgeschlossen, gaben sie Auskunft. Dem Kinderschutz-Zentrum fiel im April 1990 eine heikle Aufgabe zu. Gefördert durch die Stiftung Deutsche Jugendmarke, begann die Arbeit am "Forschungsprojekt zu einem unterschätzten Tatbestand – sexuelle Ausbeutung von Jungen". Für das Projekt wurde eine Laufzeit von zwei Jahren kalkuliert. Das erscheint kurz, denn im Gegensatz zu den malträtierten Mädchen, deren Kindheits- und Jugenderlebnisse mittlerweile der Öffentlichkeit vor Augen gerückt wurden, verlieren sich die Knabenschicksale weitgehend im Dunkelbereich.

Stets gab und gibt es für die betroffenen Familien viele Gründe zum Schweigen. Die Argumente hierfür ähneln jenen, die auch für die mißbrauchten Töchter angeführt werden. Man will keine familiären Zwistigkeiten heraufbeschwören, keinen Skandal riskieren, von dem die Nachbarschaft und womöglich Freunde und Bekannte erfahren könnten. Außer diesen Gründen aber gibt es einen entscheidenden Grund für die Eltern, sexuelle Belästigungen, ja sogar das Wissen um den Mißbrauch ihres Jungen geheimzuhalten, denn in der Regel sind es Männer, die sich an den Knaben vergehen. Dies beschwört die Furcht herauf, daß der Junge als homosexuell ins Gerede geraten oder – Gipfel der Furcht – unkorrigierbare homosexuelle Neigungen entwickelt haben könnte. Andernfalls – so die landläufige Meinung – hätte er sich doch gewehrt, wie ein "richtiger Junge" das zu tun pflegt. Der sagt dem Übeltäter "faß mich nicht an" und stapft, jeder Zoll ein kleiner kraftstrotzender Held, von dannen.

Eltern mit solchen Ansichten akzeptieren ein jahrhundertealtes und anscheinend unumstößliches Rollenprogramm. Danach sind Jungen durchsetzungsfähig, selbständig, energisch. Ihre Probleme bewältigen sie ohne fremde Hilfe. Im übrigen kommen sie über erlittene Unbill leicht und narbenlos hinweg. Dem ist offenkundig nicht so. Zahlreiche Bücher, Schriften machen deutlich, daß ein Junge nicht weniger hilfsbedürftig als ein Mädchen ist. Er bedarf in den Notsituationen seines jungen Lebens ebenfalls einer Vertrauensperson, der er sein seelisches Elend, seine körperliche Misere offenbaren kann.

Für die Bundesrepublik wurde vom ARD-Magazin Monitor eine Schätzzahl von 120 000 Jungen im Alter von ein bis zwölf Jahren als Opfer von Sexualdelikten im Jahre 1989 genannt. Erfahrungszahlen, die allerdings nur für den rheinland-pfälzischen Raum gelten, nennt das Mainzer Haus aufgrund einer Umfrage bei dort niedergelassenen Kinderärzten. Sie ergab: "Von 57 Kinderärztinnen haben im vergangenen Jahr 32 sexuellen Mißbrauch insgesamt 51 mal diagnostiziert. Davon waren 33 Mädchen betroffen und 18 Jungen. Bei 68 Mädchen und 16 Jungen wurde sexueller Mißbrauch vermutet."

Täter, die sich Knaben gefügig machen, rekrutieren sich – wie bei den Mädchen – aus dem Familien-, Bekannten- und Autoritätenkreis; der fremde Täter bildet den Ausnahmefall. Der Annäherung liegt die sattsam bekannte Struktur zugrunde. Zu Beginn bemüht sich der Verführer, den Jungen für sich einzunehmen, er soll spüren, daß er bevorzugt wird. Je weniger sorgliche Aufmerksamkeit, häusliche Geborgenheit das Kind erfuhr, um so eher fällt es auf die Umwerbung, die in seinen Augen nur Liebe bedeuten kann, herein.